„Window to The Clouds“ – Matthew Lutz-Kinoy

Installation view: Matthew Lutz-Kinoy. Window to the Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda Matthew Lutz-Kinoy, An opening of the field, 2020. Wool. Courtesy of the artist; The Ray, 2019. Acrylic on canvas, 260×170 cm. Private Collection. Courtesy of the artist; Photo: Thomas Bruns

„Window to The Clouds“ im Salon Berlin des Museum Frieder Burda ist die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland des in Paris lebenden Künstlers Matthew Lutz-Kinoy (*1984 in New York). Mit Gemälden, Keramiken und Skulpturen der letzten Jahre möchte die Ausstellung eine Reihe malerischer Betrachtungen urbaner Architektur, historischer Malerei und aktueller Ereignisse aufzeigen. Seine Inszenierungen dienen als Schauplatz einer Welt gemeinsamer Erfahrungen, menschlicher Präsenz und Berührung.

Den Salon Berlin betretend, tauchen die Besucher*innen in eine immersive Skulptur aus pinkfarbenen Pompons und rosafarbenem Teppich ein – eine Raumerfahrung, die Lutz-Kinoys Interesse an künstlerischer Transformation und spirituellen Übergängen räumlich übersetzt.

Pompoms, die in ihrer pluralistischen Formensprache zugleich für Kostümierung und Blumen stehen, dienen hier als Filter, durch den andere Werke der Ausstellung betrachtet werden können. Körper, heilige und profane, erscheinen in Lutz-Kinoys Bildern und erinnern an die Porte de l’Enfer (1880– 1917) des französischen Bildhauers Auguste Rodin. Rodins Bronzetor zeigt dramatische Szenen aus dem epischen Gedicht Inferno, den Betrachtungen Dante Alighieris aus dem 14. Jahrhundert über die Zurückweisung der Sündhaften, während die Seligen zum Göttlichen emporsteigen. Über 180 Figuren drängen, drehen und winden sich in diesem monumentalen Rahmen. In Exhausted Angel Receives an Announcement in Rodin’s Garden (2019) stellt der Künstler einen errötenden Engel dar, der himmelwärts blickt. Schatten zweier Arme reichen hinunter in den Garten zur erschöpften Figur. Von einem buschigen üppigen Immergrün umrahmt, ist die Gartenszene eine malerische Meditation über die Porosität von Innen- und Außenwelten. Wie ein Fenster lädt das Gemälde Betrachter*innen ein, über ihre Realität hinauszuschauen. Im Dialog mit etlichen Keramikarbeiten sowie Wings of Flamingos, Camargue (2020) – einem raumgreifenden Deckengemälde, das auch die Figur des ermüdeten Engels aufgreift – zieht der großflächige, monochrome Teppich die Aufmerksamkeit auf die theatralischen Möglichkeiten der Architektur und auf die Aktivierung eines Raumes durch Ornamentierung.

An opening of the field, 2020 © Matthew Lutz-Kinoy. Window to the Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda; Photo: Thomas Bruns
An opening of the field, 2020 © Matthew Lutz-Kinoy. Window to the Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda; Photo: Thomas Bruns

Lutz-Kinoy spiegelt diese thematische Vielfältigkeit auch in den formalen Qualitäten seiner Gemälde, die an Drucktechniken erinnern. Der additive Auftrag von Acrylfarben und ein gestischer Pinselduktus sich überschneidender, lasierender Farben eröffnen eine Reise in die Tiefe, bildlich und geistig. In Lombardy Capriccio (2020) wird eine wolkige, blau-grüne Landschaft unter einem verzierten Bogen gezeigt, der auf ein Deckenornament aus dem Zuhause des Künstlers verweist. Die Szenerie zitiert aus Francesco Guardis Fantasielandschaft (um 1765) der Sammlung des Metropolitan Museum of Art, New York: ein fiktives Idyll mit Ruinen der Klassik, das so bemessen war, dass es in eine heute nicht mehr vorhandene dekorative Gipsumrahmung passte. Lutz-Kinoy löst in Gemälden oft Details aus ihrem Zusammenhang, um sie in einem neuen Kontext zu betrachten, wie etwa in Lectures of Burle Marx (2020), dem Porträt einer wilden Orchidee, die er auf einem Gehweg in Rio de Janeiro gefunden hat. Pflanzen und Blumen sind oft die Protagonisten in Lutz-Kinoys Werken. Sie erscheinen als Begleiter oder Erweiterungen des Körpers. In diesen Bildern ist der Rahmen ein aktivierter Raum, in dem Beziehungen neu geknüpft, Vergänglichkeit thematisiert und ein Feld definiert wird, in das Betrachter*innen versinken können.

Installation view: Matthew Lutz-Kinoy. Window to the Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda
Installation view: Matthew Lutz-Kinoy. Window to the Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda

Die wechselnden Jahreszeiten und flüchtigen Wolken vermitteln den Wandel und das Fließen der Zeit. Lutz-Kinoy fasst die Zeit nicht linear oder als singuläres Konzept auf. „Das Konzept der Zukunft kann problematisch sein“, schreibt der Performance-Theoretiker José Esteban Muñoz im grundlegenden Buch Cruising Utopia (2009), auf das sich auch Lutz-Kinoy beruft. Die konventionelle Auffassung einer sich linear abwickelnden Zeit wird von Muñoz als „straight time“ bezeichnet. Zeit sei „straight“, stellt er kritisch fest, wenn die Zukunft von der Gegenwart vorherbestimmt wird. Heteronormativität sei deshalb nicht nur eine Form der sexuellen Beziehung, sondern auch der sozialen Produktion. Aber anstatt zu behaupten, dass es folglich – oder sogar grundsätzlich – keine Zukunft mehr gäbe, feiert Muñoz das Vorhandensein vieler potentieller „Zukünfte“ in der Gegenwart. Zukunft entsteht auf der Tanzfläche, der Bühne und überall dort, wo queere Erfahrungen gemacht werden. An diesen Orten wird eine „Re-Vision“ der Zukunft durch das Fenster der queeren Performitivität erlebbar.

“Dies ist eine Zeit in der wir aufgefordert oder herausgefordert werden, Alternativen zu produzieren: zu Strukturen, zu Ebenen einer Beteiligung, zu Systemen des Teilens. Ich wusste, wenn ich diese Ausstellung mache, müsste sie weich, fühlbar und reaktionsfähig sein. Ich denke, was in den letzten Jahren in meinem Studio passiert ist, war eine Art Produktion einer alternativen Realität; ein Rahmen, durch den ich Verbindungen finden, die Prüfungen dieser Jahre beschreiben und auf einen endlosen Strom von Wolken blicken konnte.“

Matthew Lutz-Kinoy

Matthew Lutz-Kinoy. Window to the Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda; Courtesy of the artist; Photo: Kamel Mennour, Paris/London
Matthew Lutz-Kinoy. Window to the Clouds;
Salon Berlin, Museum Frieder Burda;
Courtesy of the artist; Photo: Kamel Mennour,
Paris/London

Patricia Kamp, Gründerin und künstlerische Leiterin des Salon Berlin: „Die Erfahrung steht im Mittelpunkt der künstlerischen Praxis von Matthew Lutz-Kinoy. Indem er die gänzliche Materialität der Werke einsetzt, spricht er die verschiedenen Sinne der Besucher an und lädt sie ein, sich tief mit dem Raum auseinanderzusetzen, sowohl physisch als auch intellektuell. In einer Zeit, in der wir gemeinsame Momente und Interaktionen sehnlichst vermissen, entfaltet sich „Window to The Clouds“ als eine erfahrbare, sensorische Weite, in die wir eintauchen – fließend, befreiend, hoffnungsvoll, wie Wolken am Himmel.“ Sie fügt hinzu: „Während der Künstler den Raum spielerisch auf vielen Ebenen einnimmt, verkörpern seine Werke eine Vision, die er und der Salon Berlin teilen – eine, die sich kontinuierlich mit den unendlichen Möglichkeiten des zeitgenössischen künstlerischen Schaffens und des Menschseins auseinandersetzt.“

In den Interventionen dieser Ausstellung, in der sich die Bildsprachen der Repräsentation und Performance verbinden, erkundet Matthew Lutz-Kinoy Räume über ihre Vergangenheit oder Zeitgeschichte hinaus. Als Sicht auf eine Gegenwart, die der Zukunft nichts schuldet, schenken diese Intimitäten uns Einblicke in den Himmel – oder wie Muñoz es benennt, die Ekstase – auf Erden.

„Window to The Clouds“ – Matthew Lutz-Kinoy

19. MÄRZ – 5. JUNI 2021

Museum Frieder Burda | Salon Berlin

Veröffentlicht am: 01.04.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, Top 3,

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