„Adventures on the Mind Scrap Tissue“ des Künstlers Fabian Hub
21. November 2025 - 17. Januar 2026

Die Malereien von Fabian Hub folgen keiner Vorlage oder konkreten Vorstellung vom endgültigem Resultat. Sie entstehen entlang ihres Schaffensprozesses. In den durch ständige Rekonstruktion entstehenden Kompositionen finden sich organisch und architektonisch anmutende Elemente und Strukturen wieder. Diese teils abstrakten, teils konkreten Bildwelten, erzeugen Resonanz und öffnen Raum für individuelle Assoziationen.
Versetzen wir uns auf einen Streifzug durch die Stadt: Wir orientieren uns grob an ihren Boulevards, den Schneisen, die Administration und Planung vorgaben, als dieser Ort aus dem Nichts entstand, oder an eine vorherige, spontan gewachsene Unordnung schlugen. Zwischen den Hauptstraßen ist manchmal noch etwas von diesem Dagewesenen auszumachen, schlängeln sich Gassen ins Innere der Blöcke. Auf diese Pfade nimmt Fabian Hubs Arbeit die Betrachter mit. „Adventures on the Mind Scrap Tissue“ wechselt die Perspektiven, vom Overfly geht es bis hinein in die Lebenswelt der Menschen, die eine Stadt bewohnen.
Am Anfang und namensgebend für den Zyklus steht das Triptychon „Adventures on the Mind Scrap Tissue“: Das Bild ist ein Hybrid aus Gemälde und Collage – eine Technik, die Hub bereits früher nutzte. Ihm liegt ein intuitiv aus gefundenen Papieren – Akten – entwickeltes Raster zugrunde, das mit diversen auf- und wieder abgetragenen Schichten von Farbe sowie weiteren Papieren überformt wurde. Es kommt daher, als läge Los Angeles ausgebreitet. Im Vordergrund fliehen ähnliche Blöcke zu einem zentralen Punkt am Horizont. Darüber staffeln sich, so scheint es, Hügelketten. Plan und Perspektivdarstellung ergänzen einander zu einem klassischen Motiv mit disruptivem Ausdruck.
Die Oberflächen der Werke lassen an Plakatwände denken, auf denen sich Affiche auf Affiche schichtet, bis das Papier zu einer ledernen Substanz verschmilzt. Es löst sich in Fetzen. Durch die Löcher des einen scheinen die Farben und Informationen des anderen hindurch und so verbinden sich beide zu etwas Neuem. Auch Fassaden und Straßen altern so: Putz oder Asphalt bröselt. Backstein liegt frei und wird von Regen, Sonne und dem Wechsel der Jahreszeiten abgenagt. In Schlaglöchern dringen die unter dem Straßenbelag führenden Schichten an die Oberfläche. Unbittlich weiter brausender Verkehr nagt an den Rändern.
Mit „Mind Scrap Journey 1–18“ tauchen wir tiefer ein in diesen Kosmos. Die Serie aus dreiteiligen Leinwänden ist eine kartografische Reproduktion von Ausschnitten der Stadtansicht. Strukturell gleich bespielt Hub die mittels Koordinaten nachvollziehbaren „Quartiere“ in Varianz. So wie die Straßenecke eine andere ist, um 8 Uhr morgens, wenn der Obsthändler seine Ware drapiert, als um 2 Uhr nachts, wenn die Ausgehfreudigen über den Bordstein stolpern. Hub lotet Möglichkeitsräume aus, und sein zufälliges Vorgehen verleiht jedem der fixierten Zustände eine Ahnung der unzähligen im Prozess vorangegangenen. Mit „A Piece of Guidance“ schließlich öffnet sich eine Tür hinein, hinter die Fassaden. Das rectilineare ändert sich zu einem konzentrischen Raster. Zwei zueinander geneigte menschliche Schemen. Vielleicht haben wir eine Bar betreten. Vielleicht auch spähen wir mit einem der Sciencefiction entsprungenes optisches Gerät durch die Wand zu den Nachbarn. Ob die Konversation eine ausgewogene ist, lässt sich aus der Haltung der Figuren nur ahnen – der Titel vermittelt ein Ungleichgewicht. Und so mag der Ratschlag in den Beratschlagten eindringen, sich in ihm einnisten und breit machen. Seinen Kopf erfüllen oder vernebeln. Wie der Geist aus der Flasche.
„Magnet Tar Pit Trap“ zeigt den gefangenen Djinn, den Wunschgeist, der auch einfach Gedanke sein kann. In dem vertikal angeordneten Dreiklang trifft Konkretes auf Abstraktes. Das Bild sprengt die Raster, zeigt alles Vorgegebene in Winkel, die Auswege oder Labyrinthe bilden können. Auf dem Streifzug durch die Stadt sind wir im Kopf ihrer Bewohner angekommen, in unseren eigenen Köpfen.
Hubs Spielen und Brechen mit Regeln kann als eine Auseinandersetzung mit Raum gelesen werden: mit physischem und geistigem Raum. Die Möglichkeiten, sich zu entfalten, ist stets abhängig von den Grenzen, an die wir stoßen, die wir nicht niederreißen können. Innerhalb dieser Begrenzungen sucht Hub nach Resonanz, nach der Einflussnahme der Einzelteile aufeinander. Menschen, die auf einem Bordsteg gehen, lenken die Wege der anderen. Und so sehr wir es wünschen, sind wir in vielem erschreckend wenig selbstbestimmt: Die Flugbahn der Stare, die im Herbst als „schwarze sol“ über den Himmel ziehen, Fischschwärme, die sich wie programmiert teilen, wenn ein Taucher hindurchschwimmt – der Puls des Lebens ist regelmäßig, reproduktiv, allgegenwärtig.
Elemente, die diese immaterielle Resonanz sichtbar machen, verwendete Hub bereits in früheren Arbeiten: Er nutzt dafür Schall und Wasser. Hier zeigt er die aus Stimmplatten eines Akkordeons bestehende Arbeit „Soundscape“ und, im hinteren Teil der Ausstellung, die „Grid Disrupter–Interference Engine“. Die zwei Meter hohe Säule abstrahiert den Schulterschluss von Raster und Schwingung ad ultimo. Sie ist ein autarkes System, das sich unaufhörlich selbst reflektiert und in Frage stellt. Die Module der Lampen spiegeln sich in der Wasseroberfläche. Man wartet auf den perfekten Moment – doch ein stetig fallender Tropfen zerstört immer wieder das Bild. Rectilineares und konzentrisches Raster machen sich die Position stritig. Und so bleibt uns nur, die Schönheit in ihrem Zusammenspiel zu entdecken.
Text: Josepha Landes
„Adventures on the Mind Scrap Tissue“ des Künstlers Fabian Hub
21 November 2025 – 17 Januar 2026

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