(Outside-)Flaneur „RAW & Urban Spree: Seismograph pulsierender Vielfalt“

(Outside-)Flaneur „RAW & Urban Spree: Seismograph pulsierender Vielfalt“

Hart geschuftet wurde auf dem Industriegelände des RAW nicht nur vor 150 Jahren, sondern auch in jüngster Vergangenheit. Denn dem solidarischen, nicht kommerziellen Engagement verschiedener Initiativen ist es zu verdanken, dass hier soziokulturelle Frei- und kreative Wirkräume erhalten wurden. Auf euren Wegen durch die pulsierende Vielfalt entdeckt ihr viel Kunst und könnt Kreativen aus der ganzen Welt begegnen, lockdown-konform in der kleinsten Disko der Welt tanzen – und in normalen Zeiten in den Clubs, ihr könnt klettern, köstlich speisen und über den fantastischen Flohmarkt schlendern.

Von der Warschauer Brücke aus überblickt ihr die 74.000 Quadratmeter umfassende letzte unsanierte Industriebrache im Innenstadtbereich Berlins. Und auf Höhe der Simon-Dach-Straße findet ihr einen der Eingänge zum aktiv genutzten Areal des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks (RAW).
Geradeaus lauft ihr zwischen der Bar „Crack Bellmer“ und dem Club „Badehaus“ hindurch auf den „Kegel“ zu, eine Kletter- und Boulderanlage im ehemaligen Hochbunker. Das Gemälde an der Hauswand trägt die unverwechselbare Handschrift des Künstlers LAKE, dem es immer gelingt, die urbane Umgebung mit dem jeweiligen Thema zu verweben. Hier visualisiert er die Griffe von Händen an einem Felsen beim Klettern. Links entlang geht’s zum Flohmarkt, der an den Wochenenden organisiert wird, und zum „Cassiopeia“, das seit fast 15 Jahren quasi täglich ein Konzert, eine Clubparty, Quiz-Abende und Aufführungen realisiert.

© Mural von LAKE
© Mural von LAKE

Das Gemälde an der Außenfassade (Mural) ist während der Corona-Pandemie entstanden: Der Künstler ROLF LE ROLFE lässt hier das erstaunte oder erschrockene Gesicht im Vordergrund leicht verpixeln – und einzelne Pixel-Wolken/Clouds sehen Sie auch losgelöst auf der geschwärzten Wand dahinter. Bis rechts oben der farbige Schriftzug „kulturrelevant“: Er scheint aus Kabeln zu bestehen; die Farben glühen, allerdings steckt der Stecker nicht in der Steckdose. Dass nach der Pandemie nicht mehr alle Clubs ans Netz gehen, sondern sukzessive schließen werden, thematisiert der Künstler. Zur Verdeutlichung – auch eines Schulterschlusses – sind auf der Tafel darunter weitere „kulturrelevante“ Einrichtungen gelistet.

© Mural von ROLF LE ROLFE am „Cassiopeia“ auf dem RAW-Gelände
© Mural von ROLF LE ROLFE am „Cassiopeia“ auf dem RAW-Gelände

Teledisko

Die einzig erlaubte Tanzfläche während des Corona-Lockdowns übrigens könnt ihr schräg gegenüber ausprobieren: die Teledisko. Benjamin von Uphue erfand vor sechs Jahren die Disko-Telefonzelle und stellte sie hier auf (https://youtu.be/VoTn9T6qAmk).

Rechts entlang kommt ihr am sogenannten „Stoff- und Gerätelager“ vorbei, worin der „Vuesch e.V. – Verein zur Überwindung der Schwerkraft“ Zirkus- und Jonglierkurse anbietet. Daneben befindet sich das „Ambulatorium“ mit einem farbintensiven Mural: Street Art an Fassaden sendet oft sozial-kritische, politische Botschaften in die Öffentlichkeit. Die dabei verwendeten Stereotypen – wie hier ein gestylter Wolf und ein lässiger Geier mit kleinen Heiligenscheinen – regen unmittelbar die Fantasie an. Der Grabstein-Installation im Vorgarten des „Verwaltungshaus“ im Gedenken an Franz Stenzer und Ernst Thälmann folgend erreicht ihr nun das Kunsthaus „Urban Spree“:

Die Zukunft ist schwer vorhersehbar, aber der Weg ist klar: Das Künstlerkollektiv Urban Spree vereint Kunstschaffende aus den Bereichen Street Art und Graffiti, urbane Fotografie und auch zeitgenössische Grafik und Malerei. Die Arbeiten werden in wechselnden Ausstellungen gezeigt, eine große Außenwand wird regelmäßig kuratiert, Workshops und Konzerte angeboten und einiges mehr. Weil sie wissen, dass sie im Verbund mehr bewerkstelligen können, gehört eine verständnisvolle Großzügigkeit im Miteinander und gegenseitige Akzeptanz quasi zur Hausordnung. Dieses Credo ist der Weg – und das Ziel immer, Kunst sichtbar zu machen.

© „Urban Spree“ auf dem RAW-Gelände
© „Urban Spree“ auf dem RAW-Gelände

Wirken und Wirkung

© Mural MORALISMO der Brüder Felix und Matthias Gebhard aka Disturbanity Graphics
© Mural MORALISMO der Brüder Felix und Matthias Gebhard aka Disturbanity Graphics

Eine starke Wirkung hat schräg gegenüber das schwarz-gelbe Mural MORALISMO der Brüder Felix und Matthias Gebhard an der Wand des Clubs „Haubentaucher“. Unter Disturbanity Graphics bemalen die Brüder vornehmlich Wände an verlassenen Orten. Hier allerdings wurde es nicht nur hunderttausendfach gesehen und auf instagram & Co geteilt, auch die Automarke Jaguar fand es für ihre Werbung ‚nutzenswert‘: 2018 erfuhr die „Illustration zu Moral, Heuchelei und Widerstand“ eine klassische Urheberrechtsverletzung. In der Szene wächst durch solche Fälle das Misstrauen gegenüber profitorientierten Unternehmen.

Insgesamt wirken über 80 Projekte genossenschaftlich auf dem RAW-Gelände, einem echten Sahnestück für den Immobilienmarkt. Die RAW Kultur L Genossenschaft hält als kulturelle Dachorganisation des Soziokulturellen Zentrums des denkmalgeschützten Bau-Ensembles entlang der Revaler Straße alle Fäden zusammen.
Trotz vieler Hürden waren immer engagierte Menschen am Werk, die für den Erhalt des Geländes und seine kulturellen Freiräume kämpften und dies fortführen.

Ort: RAW-Gelände, Revaler Straße 99, 10245 Berlin-Friedrichshain, ständig zugänglich. Wenn kein Lockdown ist, sind die „Urban Spree“ Galerie und der Buchladen Dienstag – Samstag von 12:00 – 19:00 Uhr geöffnet, Termine für Konzerte variieren, der Biergarten ist täglich (außer montags) von 15:00 (wochentags) bzw. 12:00 Uhr (am Wochenende) geöffnet.

ÖPNV: S+U Warschauer Str. (S5, S7, S75, U1), U Schlesisches Tor (U1) Bus: 248 (Tamara-Danz-Str.), 347 (Oberbaumbrücke), 165, 265 (U-Bhf. Schlesisches Tor), Tram: M10 (S+U Warschauer Str.)

 

© „Ambulatorium“ auf dem RAW-Gelände
© „Ambulatorium“ auf dem RAW-Gelände

Veröffentlicht am: 27.05.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kultur, Kunst, Kunst - was sonst noch passiert, Redaktion-Tipp, | Tag: Kolumne Jana Noritsch,

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