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Jeewi Lee – Vor•wurf

1. Mai 2021 - 19. Juni 2021

Jeewi Lee – Vor•wurf, Galerie SEXAUER

Vorwurf ist ein Begriff, der jedem vertraut ist. Jeder hat schon einmal einen Vorwurf gemacht oder wurde Adressat eines solchen. In früheren Zeiten nutzte man den Begriff auch in der Bedeutung von Vorlage, Entwurf oder Thema für ein Kunstwerk. Die Künstlerin Jeewi Lee interessiert besonders, dass im Vorwurf auch immer die Reaktion auf ein vergangenes Handeln zu Tage tritt: Es ist ein Nachhall, ein Echo, eine wahrnehmbare Spur. Diese kann bleiben oder sich verflüchtigen, deutlich oder schwach sein, überdauern oder in Vergessenheit geraten.

Der Zusammenhang zwischen dem Begriff und der neuen Arbeit, die Jeewi Lee für ihre Einzelausstellung Vor•wurf verwirklicht hat, lässt sich nur erahnen. Er deutet zwar auf ihre persönliche Geschichte hin, bleibt aber offen. Die Künstlerin bezieht darin keine Position, öffnet aber einen Raum für Fragen und Gedanken.

Betritt man den Ausstellungsraum, wird man mit einer monumentalen Installation konfrontiert. Ein frei hängendes Tafelbild, das an ein Würfelnetz erinnert. Es ist der komplett aufgefaltete Wohnraum ihres verstorbenen Großvaters.

Für die Ausstellung Vor·wurf reiste Lee nach Südkorea in das Dorf Ha-Dong, nahe der Hafenstadt Busan, wo das Haus ihres Großvaters steht. Manchen galt er als tapfere Persönlichkeit, anderen als gewalttätiger Familientyrann. Vielleicht war er auch selbst nur ein Opfer des Koreakrieges, in dem er als jugendlicher Soldat kämpfte und aus dem er verletzt zurückkehrte. Er starb kurz vor der Geburt der Künstlerin, so dass sie ihren Großvater nie persönlich kennen gelernt hat. In Erzählungen, vor allem aber in Vorwürfen, die Familienmitglieder ihm machten, ist er bis heute gegenwärtig.

Lee begab sich für die Ausstellung zum ersten Mal in das verlassene Haus und setzte sich dieser Vergangenheit aus. Der Großvater hatte Jahrzehnte in dem Haus gewohnt. Seine Spuren haben sich in die Wände eingeschrieben, teilweise wortwörtlich. So entdeckte Lee beim Ablösen der Tapete unter verschiedenen Schichten einige Notizen auf Papier, die er an die Wand geheftet hatte. Lebensweisheiten, Vorsätze und auf Papier gedruckte Amulette.

Lee löste die Tapete akribisch in einem Stück von den vier Wänden und der Decke seines Zimmers und brachte die Tapete so nach Deutschland und in den Ausstellungsraum. Dort hängen Wand und Decke nun aufgefaltet und zweidimensional, über zehn Meter lang und freischwebend, von der Galeriedecke herab. Die Wand des aufgefalteten Raumes ist für Lee wie eine zweite Haut, in welche die persönliche Geschichte ihres Großvaters eingeschrieben ist.

Definierte die Wand im Haus vor allem den Lebensraum des Großvaters, wird sie nun zum Ausstellungsobjekt. Besucher werden eingeladen, die in die Wand eingeschriebenen Spuren zu entdecken. Lee betrachtet die Wand auch als ein Archiv, in dem Stimmungen und Schwingungen aufbewahrt sind.

Vor der schwebenden Wand hängen Objekte an den Galeriewänden, Haushaltsgegenstände des Großvaters, die in Bronze gegossen und daher wie eingefroren sind: ein Waschbrett, ein Sieb, ein Flaschenöffner, eine Suppenkelle, eine Feile, ein getrockneter Schwammkürbis, ein Haken, eine Gardenienfrucht, ein Wäscheschläger, eine Backform und zwei getrocknete Fische.

Die bronzenen Skulpturen stehen im atmosphärischen Gegensatz zur verbrauchten und zerschlissenen Tapete und lenken den Blick auf die formalen Eigenheiten und den Charakter der alltäglichen Haushalts- und Naturgegenstände. Nicht zuletzt wird durch das klassische Skulpturenmaterial Bronze Alltagsgeschichte konserviert und gleichsam veredelt.

Nüchtern hängen die Bronzen an den ultramarin blauen Galeriewänden. Ultramarin bedeutet „über das Meer“ – wie auch die Wand nach Deutschland kam. Auch erinnert das Blau an die Bluescreen-Technik im Film und unterstreicht die Geste der Künstlerin, die mit persönlicher Geschichte aufgeladene Wand aus ihrem Umfeld zu entnehmen und in einen neutralen Ausstellungsraum zu platzieren. Für Goethe hatte Blau etwas „Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick“, so tritt hier das Spannungsverhältnis auch farblich zu Tage.

In der Ausstellung Vor·wurf lässt Lee subjektive Geschichte auf ruhige Objektivität prallen und erdtonige, persönliche Gegenstände vor einem kalten Blau schweben. Die Ausstellung wird von einer Publikation begleitet, in der die Künstlerin literarische und wissenschaftliche Texte zusammengetragen hat, die sich dem Begriff des Vorwurfs mal undeutlich, mal präzise nähern und lediglich Ansätze bieten. Einfache oder schnelle Antworten präsentiert Lee damit nicht. Sie stellt uns mit dem Kopf vor die Wand, um unsere Wahrnehmung zu schärfen und unsere Gedanken zu öffnen. Die Deutungsmöglichkeiten und subjektiven Wahrheiten sind dabei zahlreich, die Beziehungen zwischen Menschen kompliziert oder – wie Thomas Bernhard sagen würde – „einfach kompliziert“.

Jeewi Lee – Vor•wurf

1.05.2021 – 19.06.2021

Galerie SEXAUER

Details

Beginn:
1. Mai 2021
Ende:
19. Juni 2021
Veranstaltungskategorie:
Veranstaltung-Tags:
Eintritt: -

Veranstaltungsort

Galerie Sexauer
Streustraße 90
Berlin, 13086 Deutschland
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Veröffentlicht am: 04.05.2021 | | Tag: intern,

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