Hans Baluschek „Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze.“ im Bröhan-Museum

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Hans Baluschek „Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze.“ im Bröhan-Museum! Und nicht nur dies: Seinen Zeugnissen aus der Zeit um und nach der Jahrhundertwende werden die Arbeiten, Berliner Psychogeografie, von Larissa Fassler gegenübergestellt.

Baluschek (1870-1932) gehört zur ersten Generation des Berliner Realismus. Seit Mitte der 1890er-Jahre ist er ein aufmerksamer Beobachter und kritischer Kommentator des Berliner Lebens. Sein Interesse gilt den sozialen Auswirkungen der Industriellen Revolution in einer rasant anwachsenden
Metropole.
Baluscheks Kunst widmet sich den Errungenschaften und Abgründen der industrialisierten Gesellschaft. Er weist auf die Auswirkungen der Mechanisierung des Alltags und der Arbeitswelt hin, auf die Verlierer der Moderne – Arbeitslose, Kriegsinvaliden, Alte und Kranke.

Bis 27. September 2020:
Hans Baluscheks 150. Geburtstag zum Anlass genommen zeigt das Bröhan-Museum eine umfassende, nach Themen gegliederte Retrospektive. Die Ausstellung vereint mit etwa 100 Exponaten wertvolle Leihgaben aus bedeutenden Museen und Privatsammlungen mit dem eigenen umfangreichen Bestand des Bröhan-Museums.
Stärker als in der Vergangenheit verweist die Ausstellung auf stilistische Eigenheiten des Werks und stellt Baluscheks ‚Naturalismus‘ als Resultat einer streng konstruierten Wirklichkeit vor. Die dramaturgische Zuspitzung von Alltagsszenen, die Typisierung von Bildelementen und das bewusste Überzeichnen realistischer Darstellungsweisen dienen dem politischen Kommentar und weisen bereits auf Strategien der kommenden Avantgarde hin.

„Man hat mir meine ‚Motive‘ vorgeworfen, man klagte mich an, ich verstieße gegen die Gesetze der Schönheit! Man nannte mich trocken, spröde, unmalerisch, einen Registrator, einen Übertreiber und Fälscher. Der Akademiker konnte mich nicht verknusen, weil ich ihm als Maler zu wild war! Der Impressionist rügte, meine Malerei sei keine ‚Malerei‘. Der Symbolist und Phantast wurde ob meiner Phantasielosigkeit vom Ekel gepackt; wie sich Dadaisten und Expressionisten zu mir stellen, habe ich mich noch nicht bemüht, herauszubekommen – man verachtet mich sicher.“

„Ich bin eben Ich; meine Kunst könnte naturalistisch scheinen. Sie soll so wirken – das gebe ich zu – allerdings nur, um die Suggestion meiner Welt recht stark zu gestalten.“

Hans Baluschek: Großstadtwinkel. 1929
© Copyright artist Stiftung Stadtmuseum Berlin. Hans Baluschek: Mittag bei Borsig. 1911 
© Copyright artist Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
Von Vergnügen und Verfehlungen – Das Bild als kritische Novelle
Die kritische Auseinandersetzung mit dem Leben des Bürgertums unterscheidet Baluschek von anderen Berliner Realisten seiner Generation. Baluscheks Aufmerksamkeit gilt insbesondere der bürgerlichen Freizeitgestaltung. Zwar wirken die Szenen seiner Bilder zunächst wie nüchterne Beobachtungen, stellen aber eigentlich satirisch-kritische Kommentare auf die Dekadenz, Spießigkeit, Verblendung und Doppelmoral des Bürgertums dar.
Die sinnbildliche Kombination von Gegensätzen ist ein beliebtes Stilmittel Baluscheks. Er führt damit soziale Spannungen vor Augen und kommentiert moralische Verfehlungen. Dabei konfrontiert Baluschek nicht nur die Groß-, Klein- und Spießbürger im Bild, sondern auch die Betrachterinnen und Betrachter davor.

Das Zusammenspiel von Form und Inhalt verleiht den Werken eine zeitliche Dimension und erzählerische Dramaturgie. In komplexen Bildgeschichten aus motivischen Verweisen sowie voraus- und zurückweisenden Handlungsandeutungen gerät das bürgerliche Idyll ins Wanken.
Dabei wird der Blick des Betrachters durch formale Mittel, wie Wiederholungen, Blickachsen und Farbakzente gelenkt.

„Was mich um mich herum irgendwie berührt, ergreift, packt, erschüttert, gibt mir die Impulse zu meinen Bildern. Dann formt sich die Komposition, und aus meinen reichlichen, in meinem Gehirn aufgespeicherten Typenmaterial stellen sich die Figuren ein.“
„Das menschliche Leid trat immer näher an mich heran, das Elend und der Jammer quollen nur so auf mich zu und fraßen sich in mich herein. Hinter den Freuden des Sonntags lauerte es. Und so lächerlich manches war, so frei wurde ich niemals, dass ich späterhin einen anderen als ‚bitteren‘ Humor aufbringen konnte.“

Lesenswert ist zu Baluschek auch „Rinnsteinkünstler und Schöneberger Kunstdeputierter”, denn interessanterweise beschäftigte sich Hans Baluschek seit den späten 20er-Jahren hauptsächlich mit Auftragsarbeiten von Firmen wie Borsig und AEG und Detaildarstellungen aus der alten Berliner Innenstadt. Derer viele befinden sich heute in den Sammlungen des Märkischen Museums, des Bröhan-Museums und der Berlinischen Galerie.

Dreckige Typen – Das Industrieproletariat und die „soziale Frage“
Infolge der Industrialisierung kommt es in ganz Europa zu Landflucht und Verstädterung. Auf der Suche nach Beschäftigung ziehen arbeitslose Bauern und Handwerker in die aufstrebenden Metropolregionen. In Großbetrieben wie Siemens, AEG und Borsig verkaufen sie ihre Arbeitskraft und bilden fortan das sogenannte Industrieproletariat. Die neuen wirtschaftlichen Verhältnisse und die Anonymität der Großstadt bedingen eine soziale Härte bisher ungekannten Ausmaßes. Ein Kündigungsschutz existiert nur in Ansätzen und die Arbeitslosenversicherung wird erst 1927 eingeführt. Oft ist der Verlust des Arbeitsplatzes der Beginn einer Abwärtsspirale aus Armut, Krankheit, Prostitution und Obdachlosigkeit.
Baluschek gehört zu den ersten Künstlern, die das Leben des Industrieproletariats in all seinen Facetten darstellen. Dreck, Abgase sowie von harter Arbeit, Alkohol und Verelendung gezeichnete Körper und Gesichter stehen im Widerspruch zur gängigen Kunstauffassung. Und obwohl Baluschek seinen Arbeiterinnen und Arbeitern durchaus Stolz und Würde verleiht, sogar Hoffnung erkennen lässt, stießen die Bilder zunächst auf große Ablehnung.

„Ich weiß, was Schönheit ist, zeige, wo sie nicht ist, und suche sie. Ich sehe das Böse und Schlimme, konzentriere es auf einem Rechteck von Papier oder Leinwand und suche das Gute. Ich bin nicht sentimental und liebe sanfte Form des Protestes nicht. Meine Waffen: Pinsel, Kohle, Feder, Bleistift, sollen hauen und stechen.“

Hans Baluschek: Eisenbahner Feierabend und Arme Leute (o.J.)
© Copyright artist & Bröhan-Museum, Foto Martin Adam

Jenseits der Masse – Außenseiterfiguren
Schon seit 1900 beschäftigt sich Baluschek intensiv mit der Darstellung sozialer Außenseiter. Fast enzyklopädisch setzt er Figuren aller Randgruppen ins Bild: Kranke und Geisteskranke, Alkoholikerinnen, Obdachlose und Vagabunden, Schausteller und Prostituierte.
Interessanterweise wurde die gesellschaftliche Sprengkraft dieser Werke von den meisten zeitgenössischen Kommentatoren kaum bemerkt, sondern eher als Ausdruck der „Liebe zu den Verlassenen und Ausgestoßenen“ interpretiert.
Vor allem in Zyklen, wie „Opfer“ oder „Asoziale Frauen“, zeigt sich die mit dem Thema verbundene soziale Anklage. Hier offenbaren sich die harten Lebensumstände in Berlin, die weder Schwäche erlauben noch Rücksicht kennen. Individuelle Schicksalsschläge führen schnell in die gesellschaftliche Stigmatisierung und existenzielle Abhängigkeit. Das perfide Verhältnis von Opfern und Tätern wird in Baluscheks Arbeiten besonders greifbar, was ihnen bis heute eine enorme politische Brisanz verleiht.

„Arbeiter, Kleinbürger, Spießer, Dirnen, Zuhälter entstanden in meiner Kunst zu dem neuen Leben, das ich wollte. Armut, Beschränktheit, Not, Verkommenheit, Laster materialisierte ich – wenn auch nur zweidimensional. Ich fühle mich als das Instrument des Gottes, der den bedürftigen Menschen, die ich erleben muss, wohlwill.“

Berlin im Bild – Modellbau des sozialen Lebens
Berlin ist eine Stadt der Gegensätze, in der sich die Kluft zwischen Arm und Reich selbst im Stadtbild manifestiert. 1877 wird sie zur Millionenstadt, bis 1905 wird sich diese Zahl noch einmal verdoppeln. Mitten in der Stadt entstehen Fabrikgebäude, deren Schornsteine den Himmel verdunkeln. Der Schienenverkehr wird ausgebaut, um die Rohstoffversorgung der Stahl und Eisenindustrie zu sichern. Für die wachsende Masse der Arbeiter werden zahllose Mietskasernen errichtet, denen die gründerzeitlichen neuen Prachtbauten des aufstrebenden Bürgertums entgegenstehen.
Baluschek nutzt Architekturen und Stadträume zur symbolischen Untermauerung seiner Bildaussagen. Doch nur wenige Stadtteile, Häuser und Straßen in seinen Gemälden lassen sich identifizieren und topografisch verorten. Baluschek porträtiert Berlin nicht durch die wahrheitsgetreue Wiedergabe des Stadtbilds. Vielmehr reduziert er dessen Elemente auf ihre wesentlichen Merkmale, um sie dann wie die Teile eines Modellbaukastens im Bild zu positionieren. Jedes Bildelement, von der Brandmauer bis zur Kinderkreidezeichnung, wird so zum Bedeutungsträger.

„Auch vierstöckige Mietskasernen mit ihren Hinterhäusern haben ihren Typ, ebenso wie Straßenlaternen, Trottoirbäume, Eisenbahnsignale und Lokomotiven. Ich habe sie durch Beobachtung in ihrem Wesen erkannt und hebe mit Leichtigkeit das zwingend Charakteristische hervor.“
„Zwar behaupten viele vor meinen Bildern, die Gegend, die Menschen darauf genauso irgendwo gesehen zu haben! – Trotzdem werden Studien und Skizzenblätter zu meinen Bildern und ähnlicher Krimskrams in meinem einstigen Nachlass von Sammlern schmerzlich vermisst werden.“

Später von den Nazis als “entartet” diffarmiert, findet sich denn auch in der Lost-Art-Datenbank eine Arbeit von Baluschek: das “Bettlerpaar vor einer Fabrikstadt” aus dem Jahre 1914. Verkauft wurde es am 12.02.1937 für Paul Straßmann bei Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus, Inh. Hans Carl Krüger [Die vollständige Liste der von Straßmann eingelieferten Werke könnt ihr hier einsehen Liste.].

„Im Zeichen der Maschine“ oder „Die Mechanik des Geistes“
Die fortschreitende Mechanisierung prägt die Phase der Hochindustrialisierung. Maschinen lenken die Arbeit in den Fabriken, gestalten das Stadtbild, beherrschen Transport- und Militärwesen. Der Einfluss neuer Technologien auf das Leben bestimmt auch den politischen Diskurs. Während Friedrich Naumann eine neue „Kunst im Zeitalter der Maschine“ (1908) beschwört, warnt Walther Rathenau vor der „Mechanik des Geistes“ (1913). Karl Marx hatte die Verfassung der Arbeiter schon 1876 ähnlich beschrieben: „In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.“

Baluschek steht der Maschine als „Seele der Industrie“ zwiespältig gegenüber. Einerseits malt er heranbrausende Züge, Bahnhöfe und Gleisanlagen mit detailversessener Begeisterung und gehört zu den Ersten, die das Innere der großen Stahl- und Eisenwerke dokumentieren.
Andererseits prangert er die gesellschaftlichen Folgen der Mechanisierung, die Entfremdung der Arbeit und Verelendung des Proletariats, scharf an. Seine Industriebilder sind gerade deswegen künstlerische Höhepunkte. Sie greifen das Thema nicht nur motivisch auf, sondern verleihen ihm durch Farbe, Raum und Komposition auch malerisch Ausdruck.

„Die Ordnung, die ich in meinem Denkapparat halte, gab mir die Möglichkeit, an der Maschine nicht verständnislos vorüberzugehen. ‚Wir stehen im Zeichen der Maschine‘, sagt man so schön. ‚Triumph des Menschengeistes‘ wird sie liebevoll genannt. Na ja!“


Den Arbeiten wird die künstlerische Position von Larissa Fassler gegenübergestellt

Zwar haben sich das politische System, die Gesellschaft und die Kunst seit Baluscheks Wirken vor über 100 Jahren radikal gewandelt, dennoch sind viele der von ihm behandelten Themen noch immer oder gerade wieder hoch aktuell: Wohnungsmangel, Zuwanderung, soziale Ungerechtigkeit und der Einfluss neuer Technologien auf Leben und Arbeit.
Wie kann Kunst aussehen, die sich den realpolitischen Problemen einer Großstadt im 21. Jahrhundert stellt? Larissa Fasslers psychogeografische Arbeiten sind eine beeindruckende Antwort auf diese Frage. Ihnen liegen oft jahrelange Studien urbaner Strukturen zugrunde, die sich aus persönlichen Beobachtungen, digitalen Messungen und historischer Archivarbeit zusammensetzen. Ihre Bilder führen brisante Informationen der politischen, ökonomischen und sozialen Realität eines Ortes, dessen Vergangenheit und Gegenwart, nicht nur dokumentarisch vor Augen, sondern machen die komplexen Zusammenhänge zwischen diesen Ebenen ästhetisch greifbar.
Gezeigt werden Arbeiten, die sich auf Orte in Berlin-Kreuzberg beziehen und dabei Gentrifizierung, Wohnungsmangel und ökonomische Machtverhältnisse kritisieren. Hiermit schließt sich nicht nur ein thematischer, sondern auch ein biografischer Kreis: In Baluscheks Berliner Kindheit musste die Familie innerhalb von 10 Jahren fünfmal die Wohnung wechseln, immer im damaligen Neubaugebiet zwischen Halleschem und Kottbusser Tor. Larissa Fassler lebt und arbeitet in Berlin. Ihre künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die symbiotischen Beziehungen zwischen Menschen und Orten und spiegelt ihr Interesse an der Architektur von Städten und der Art und Weise wider, wie Orte Menschen psychisch und physisch beeinflussen und wie sich die Wahrnehmung, das Verständnis und die Nutzung von Orten durch Menschen physisch manifestieren in der gebauten Umgebung, die sie umgibt. Sie sammelt Fakten unsichtbarer und sichtbarer Zusammenhänge, dokumentiert urbane Spuren und fasst dies in großformatigen Stadtplänen zusammen. In der Schau im Bröhan-Museum ist ihr ein eigener Raum gewidmet.

Larissa Fassler

Textbearbeitung Jana Noritsch, Titelbild: Hans Baluschek “Hier können Familien Kaffee kochen”, 1895. Bröhan-Museum, Foto: Martin Adam 

Veröffentlicht am: 07.07.2020 | Kategorie: Ausstellungen,

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