Kolumne: Architecture is frozen music – Eine Ausstellung von Laure Catugier

Laure_Catugier_portrait

Kunstleben Berlin Kolumne von Ludwig Graf Westarp. Die französische Künstlerin Laure Catugier untersucht die Wahrnehmung und Darstellung von Räumlichkeit. Herangezogen werden dafür verschiedene Medien wie Fotografie, Video und Performance. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf ihr gleichnamiges Langzeitprojekt – eine Serie von mehreren Videos, die auf Fotografien basieren, die während ihrer Aufenthalte in Ägypten, Tschechien, Iran, Japan, Russland und Polen entstanden sind und die die architektonischen Formen des Modernismus hinterfragen.

Die erste Monografie von Catugier ist eine hybride Publikation – ein digitales Buch, das kritische Texte und Reisetagebücher mit Ton und Bild umfasst, sowie ein gedrucktes und gefaltetes Buchobjekt. Der Titel Architecture is frozen music verweist auf die Vorstellung einer Partitur, eines Notensystems, in dem die Linien die Höhe des Tons angeben. Die Struktur des Buches ist frei inspiriert von „Eine kurze Geschichte der Linien“ (Konstanz University Press, 2021), in der der Anthropologe Tim Ingold die Idee entwickelt, dass „ein Studium der Menschen und Dinge ein Studium der Linien ist, aus denen sie gemacht sind“. Das Gehen, Schreiben oder Schaffen ist seiner Meinung nach Teil einer „Fabrik der Linien”. Diese „Reise-” oder „Aufenthalts-” Notizbücher präsentieren visuelle, klangliche und traumhafte Motive entlang gerader, gebogener und gebrochener Linien. Die Sammlung von Formen, Materialien, Farben und Volumen, die die Künstlerin im Laufe der Jahre aufgebaut hat, wird mit den Geschichten und Skizzen, die ihre Entstehung begleitet haben, in Verbindung gebracht werden. Die Idee ist, mehrere Wege durch die gesamte Komposition vorzuschlagen und die Leser*innen so die Unzulänglichkeiten und die Bewegung spüren zu lassen, die diesen Formen zwischen zweideutigem Symbol und banalem Alltagsgegenstand innewohnen, um ihre vielfältigen Formen und Korrespondenzen darzustellen, die sich auf greifbare Weise auch im gedruckten Buchobjekt wiederfinden werden. Das Künstlerbuch ergänzt einen Aspekt, den das E-Book nicht erfüllen kann: die räumliche Erfahrung. In der Tat ist in dieser Arbeit das Spiel mit der visuellen Wahrnehmung ein grundlegender Aspekt, und es funktioniert nur, wenn man sich im Raum bewegt. Das Objekt ist auf der Theorie der „Offenen Form” des polnischen, modernistischen Architekten Oskar Hansen aufgebaut. Es gibt keinen Anfang und kein Ende: Die übliche Reihenfolge des Buches ist umgekehrt. Im Inneren eines gefalteten Pappdeckels überlappen sich die Seiten und bilden dabei Fäden durch die Kreuzung und Überlagerung der Linien. Die Sicht wird so durch unerwartete „Collagen” gestört.

Architecture is frozen music
Architecture is frozen music

Auf meine Frage, was Kunst für sie bedeutet, antwortete Laure Catugier: „Kunst ist mein Nichts, meine Leere. Kunst hat keinen Anfang, kein Ende, keine Hierarchie, keine Ordnung, keine Endgültigkeit. Sie ist einfach da, für denjenigen, der sie wahrnimmt. Kunst erzeugt ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist, nicht greifbar, immateriell, unerreichbar und manchmal sogar betörend, elektrisierend, berauschend. Das ist die Macht der Kunst, dass sie an nichts anderes gebunden ist als an sich selbst, in vollkommener Autonomie.“

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 7. Mai 2022 in der Galerie einBuch.haus in Berlin Pankow.

House 01, Laure Catugier
House 01, Laure Catugier

Laure Catugier (1982, Toulouse, Frankreich) lebt und arbeitet in Berlin. Sie hat an der École d’Architecture de Toulouse und der École des Beaux-Arts de Toulouse studiert. Als Künstlerin mit architektonischem Hintergrund vermittelt Catugier in ihren Arbeiten die geometrische Sprache der Moderne. Durch verschiedene Medien wie Fotografie, Video oder Performance hinterfragt sie die Wahrnehmung und Darstellung von Räumlichkeit. Sie untersucht die Funktionalität modernistischer Architektur und urbaner Räume und forscht über die globale Standardisierung des Bauens. Seit 2015 hat sie mehrere Aufenthaltsstipendien in Deutschland, Österreich, Japan, Iran, der Tschechischen Republik, Russland, Ägypten, Bolivien und Taiwan erhalten. Sie ist Gewinnerin des Internationalen Celeste-Preises sowie von Stipendien des Goldrausch Künstlerinnenprojekts Berlin, des Pilecki-Instituts Warschau und der Stiftung Kunstfonds Bonn. Im Jahr 2021 war sie die Gewinnerin einer öffentlichen Kunstinstallation in einer zukünftigen U-Bahn-Station in Toulouse. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt (Auswahl): Total Museum (Seoul); In Sonora Festival (Madrid); Artum Foundation (Warschau); Centraltrack Gallery (Dallas, USA); Galerie Weisser Elefant, Deutsch-Japanisches Kulturzentrum und Koreanisches Kulturzentrum (Berlin); Institut Français (Düsseldorf); Jeune Création in der Galerie Thaddeus Ropac und Voltaire Mécénat Emerige (Paris); OXO Tower (London); Festival des Artes Binnar (Porto) und Arte Fiera Bologna. Derzeit auch: Einzelausstellung im White City Center Liebling Haus (Tel Aviv).

Beitragsbild: Laure Catugier, portrait

Veröffentlicht am: 20.04.2022 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Ludwig Graf Westarp,

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