Kolumne. Clockwork Orange im Neuen Haus

Clockwork Orange, Foto: Moritz Haase

Kunstleben Berlin Kolumne von Jeannette Hagen. Obwohl das sicher niemand einkalkuliert hat, könnte der Zeitpunkt der Erstaufführung von „Clockwork Orange“ nach der Romanvorlage von Anthony Burgess nicht treffender sein. In Politik und Gesellschaft, vor allem aber über die sozialen Medien werden die Ereignisse der Silvesternacht, die brutale Gewalt, mit der Menschen gefährdet wurden, und die den Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr begegnete, debattiert. Neben der reflexhaften Bedienung rassistischer Ressentiments, taucht immer wieder die Fragen auf, wie es überhaupt zu dieser Gewalt kommen kann, was sie auslöst. Mangelnde Integration? Toxische Männlichkeit? Sinnlosigkeitsgefühle? Burgess‘ Roman, 1971 von Stanley Kubrik verfilmt, gibt Antworten auf diese Frage. Er offenbart den doppelten Ursprung von Gewalt: dem Erleiden derjenigen, die in der Gesellschaft keinen Platz haben; und das maßlose Reproduzieren von Gewalt infolgedessen durch eben diese.

Wer sich erinnert: Kaum eine Verfilmung hat so provokant den Finger in eine gesellschaftliche Wunde gelegt, wie Kubricks „A Clockwork Oronge“, in dem sich brutal bildhaft die Beziehung von individueller und staatlicher Gewalt offenbarte und die dem Publikum gnadenlos ein Spiegel vorgehalten hat.

Das Berliner Ensemble greift in Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch die Vorlage auf und man darf gespannt sein, ob die vielfältigen Diskurse über die Wirkung von gewaltdarstellenden Bildern und Filmen, ob die grundsätzliche Kritik der Moderne an der Darstellung von Gewalt mit aufgegriffen wurden. Oder ob Kubricks Äußerung, dass man sie darstellen kann, weil sowieso jede*r von Gewalt fasziniert sei und ja schließlich der Mensch selbst der unbarmherzigste Killer ist, ebenso mitleidlos auf die Theaterbretter gebracht wird. Eine Triggerwarnung des Theaters gibt es auf der Homepage jedenfalls dazu. Die Fragen, ob Gewalt zwangsläufig Gegengewalt erzeugt, ob institutionelle Gewalt die individuelle beherrschbar macht oder verstärkt – sind heute nicht weniger relevant als 1971. Insofern wird es sicher für alle Besucher*innen ein lehrreicher Abend.

Zum Inhalt:

Alex und seine Drooges ziehen gelangweilt und jenseits jeder Perspektive auf ein geordnetes Leben durch die Vororte Londons und richten Verwüstung an: Sachbeschädigung, Raubüberfälle, Vergewaltigung, schwere Körperverletzung. Als Alex sich immer mehr als Anführer aufspielt, wenden sich die anderen gegen ihn und hindern ihn bei einem Einbruch, bei dem er eine Frau erschlagen hat, an der Flucht. Alex wird festgenommen und in Folge durch den Justizapparat gebrochen und konditioniert.

Premiere ist am 14.01. 2023 im Neuen Haus

Weitere Termine und Informationen: www.berliner-ensemble.de

Regie: Tilo Nest
Bühne: Bernhard Siegl
Kostüme: Esther von der Decken
Musik: Michael Haves
Licht: Rainer Casper, Benjamin Schwigon
Dramaturgie: Johannes Nölting

Beitragsbild: Probenfoto: Clockwork Orange, Foto: Moritz Haase

Probenfoto: Clockwork Orange, Foto: Moritz Haase
Probenfoto: Clockwork Orange, Foto: Moritz Haase

Veröffentlicht am: 10.01.2023 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Theater,

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