Von Mehrdeutigkeit und Interpretationsräumen

Von Mehrdeutigkeit und Interpretationsräumen... Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Irgendwann, wenn die Krise überwunden ist, wenn alle Museen, Theater, kleinen und großen Bühnen wieder geöffnet sind, werden wir hoffentlich die Zeit finden zu rekapitulieren, was es denn war, was uns während der Schließung dieser Einrichtungen gefehlt hat, und dann werden wir vielleicht feststellen, dass es nicht nur das Erlebnis an sich, der Kick des Augenblicks war, sondern dass Kunst und Kultur viel tiefer in uns eindringen und uns beeinflussen, als uns bewusst ist.

Das war jetzt ein ziemlich langer Schachtelsatz und dass Du ihn bis zum Ende lesen konntest, ohne den Anfang zu vergessen, verdankst Du der Arbeitsweise Deines Gehirns. Erstaunlicherweise hättest Du den Satz auch lesen können, wenn ich die Buchstaben verdreht hätte, statt Krise „Resik“ geschrieben hätte. Das glaubst Du nicht? Dann lies mal:

ReschorF heban gundehausfreren, sasd Du eidsen Zats elsen nankst, chua nwen ied Bachstuben drehvert dnsi.

Spannend, oder? Das Ganze funktioniert allerdings nicht, weil wir besondere Genies sind, sondern weil unser Gehirn Dinge, die wir immer wieder sehen, die also im übertragenden Sinne „gebräuchlich“ sind, so gut abspeichert, dass wir sie auch erkennen, wenn sie sich ein bisschen verändert haben. Mit bekannten Wörtern, die wir häufiger lesen, funktioniert das also ganz gut. Anders bei langen oder zusammengesetzten Wörtern, die wir nicht tagtäglich in den Mund nehmen. Hier gibt unser Gehirn schnell auf, weil denken Energie verbraucht und das Gehirn sowieso schon 20 Prozent der zur Verfügung stehenden Energie „frisst“, selbst wenn wir faul auf dem Sofa liegen.

Das war jetzt eine lange Vorrede für das, worauf ich hinauswill.

Was wir derzeit erleben, ist sehr komplex. Es ist eine Situation, auf die uns niemand vorbereitet hat, die die wenigsten von uns in der Form schon erlebt haben. Eben ein bisschen so wie ein buchstabenverdrehtes Monster-Wort. Man sieht es und denkt: Ach nö… Vielleicht macht es sogar Angst. Wir geraten in Panik, weil wir es nicht lösen können. Weil andere, die es können, so vielleicht einen Vorteil haben usw. Vielleicht werden wir auch bockig, sind wütend auf das Wort, weil unser Gehirn es nicht schafft, die richtige Buchstabenreihe herzustellen. All das sind Reaktionen, die wir derzeit im Zusammenhang mit der Corona-Krise erleben. Das Tragische daran ist, dass wir durch die Fokussierung auf das Denken, auf Eindeutigkeit ausgerichtet sind und uns jetzt genau das fehlt, was die Tür zur Mehrdeutigkeit öffnen und uns bei der Bewältigung helfen könnte: die Kunst.

Kunst fordert unser Gehirn heraus. Besonders dann, wenn sie nicht so „gefällig“, nicht so „vertraut“, vielleicht sogar abstrakt ist. Sie schult uns darin, mehrere Wahrheiten zu sehen und sie auch zu akzeptieren. Ambiguitätstoleranz – so der Fachbegriff dafür. Übersetzt, ist es die Fähigkeit, Unsicherheiten und Widersprüche aushalten zu können. Mit jedem Museums- oder Galeriebesuch üben wir uns darin, ohne es zu merken.

Leider gab es allerdings vor Corona auch schon den Trend, die Kunst zu vereinheitlichen, viel Gefälliges zu zeigen, statt Widersprüchliches zu präsentieren. Wir leben halt in einer Zeit, in der uns so etwas leicht überfordert, nur kann die Lösung nicht sein, darauf zu verzichten. Im Gegenteil. Was wir gerade in dieser Krise brauchen, sind Interpretationsräume, in denen sich diverse Eindrücke und Empfindungen sammeln dürfen, um dann aus ihnen wieder etwas Gemeinschaftliches zu extrahieren. So wie ein Musiker mit seinem Spiel einen Raum schafft, in dem zunächst alles erlaubt ist. Kunst ist Krisenmedizin – das wertzuschätzen und sie dementsprechend auch einzusetzen, wäre eine wichtige Lehre aus den letzten Wochen.

Veröffentlicht am: 19.05.2020 | Kategorie: Ausstellungen,

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