Kolumne: #AntiKriegsLyrik – mit Gedichten etwas bewegen

#AntiKriegsLyrik-Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Kunstleben Berlin Kolumne von Jeannette Hagen. Ist es nicht ein bisschen verrückt, heutzutage einen Verlag zu gründen, der Gedichte verlegt? Ja. Aber was bringt es denn, wenn jemand Gedichte schreibt und damit nur einen kleinen Kreis erreicht?

Ein “kollektives Tagebuch einer Gesellschaft im Pandemiealltag”. Was zunächst anstrengend klingt, weil eigentlich keiner mehr Lust hatte, sich mit der Pandemie auseinanderzusetzen, erwies sich als wahre Schatzgrube. Die Idee von Fabian Leonhard, Gründer des Trabantenverlags, bestand darin – solange der Lockdown lief, Gedichte zu sammeln und am Ende aus den 100 besten Texten ein Buch zu machen. Ein Buch, das 100 Perspektiven von 100 verschiedenen Menschen zeigen würde. Und ein Buch, das helfen konnte. Nicht nur dadurch, dass es jedem*r Leser*in das Gefühl vermittelte, Teil einer Gemeinschaft zu sein, sondern noch konkreter, in dem der Gewinn des Buches an die Obdachlosenhilfe (Berliner Stadtmission) gespendet wurde. Das Buch wurde zur Überraschung der Buchbranche ein großer Erfolg. Plötzlich sprach man wieder über Lyrik. Nicht über einen Lyrik-Preis-Gewinner, den kaum jemand kennt, sondern darüber, dass eine riesig große Community Freude daran hatte, Gedanken zu Papier zu bringen und sich an etwas zu beteiligen, das mehr als nur Reimen war.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, trotzdem gibt es ein nächsten Ereignis, das viele Gefühle in uns auslöst: Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Wut und den dringenden Wunsch zu helfen: der Angriffskrieg auf die Ukraine. Kaum eine*r denkt nicht darüber nach. So auch Fabian Leonard, der nicht zögerte und nach der #LockDownLyrik eine zweite Aktion ins Leben rief: #AntikriegsLyrik.

“Lasst uns gemeinsam laut gegen den Krieg und für den Frieden werden. Lasst uns gemeinsam lyrische Worte sammeln, die dies zum Ausdruck bringen!”, so der Aufruf. Für die Aktion wurde erneut ein Instagram-Kanal eingerichtet, auf dem jede*r Gedichte zur aktuellen Lage in der Ukraine, zu eigenen Gedanken und Gefühlen über Krieg und Frieden einsenden kann. Aus einer Auswahl der eingesandten Gedichte soll im Anschluss ein Lyrikband entstehen, der im April 2022 im Trabanten Verlag erscheinen soll. Dazu gibt es Online Lesungen, aber auch Live-Lese-Events in verschiedenen Städten.

Kunstleben Berlin hatte die Gelegenheit, Fabian Leonhard zu sprechen.

Was treibt Dich an? Ist Lyrik Widerstand, wie Konstantin Wecker mal sagte?

Zum einen ist es Interesse. Ich bin immer wieder beeindruckt, was für gute Texte ankommen, wie hoch die Qualität der Einsendungen ist. Ich habe das Gefühl, dass in jedem von uns ein Wortkünstler steckt. Zum anderen ist es die Faszination für Lyrik. Und es ist mein Wunsch oder Anliegen, ganz abgesehen von Verlagsüberlegungen, Lyrik aus der elitären Ecke herausholen.
Ich habe den Eindruck, dass die Qualität bei diesem Mal noch höher ist, als bei #LockDownLyrik. Und außerdem: Es tut gut, dass man etwas machen kann, aktiv wird.

Ist es nicht ein bisschen verrückt, heutzutage einen Verlag zu gründen, der Gedichte verlegt?

Ja. Aber was bringt es denn, wenn jemand Gedichte schreibt und damit nur einen kleinen Kreis erreicht? Genau das will ich verändern und da gibt mir der Erfolg recht – die Aufmerksamkeit ist groß. Der Verlag ist aber auch viel mehr  – in ihm steckt jede Menge Aktivismus und der Wunsch, politisch Verantwortung zu übernehmen. Ich denke, dass sich eine Gesellschaft nur verändern kann, wenn Unternehmen vorausgehen. Insofern bewegen wir uns im Spannungsfeld Kunst-Politik-Wirtschaft. Und ich als Verleger versuche, das alles zusammenzubringen, dem eine Seele zu geben. Wäre der Verlag nur wirtschaftlich ausgerichtet, hätte ich keine Lust, das zu machen. Wer nur auf Kreativität und Idealismus setzt, geht allerdings pleite. Das Marketing ist wichtig. Die Art, wie man an die Leute herangeht. Wie man sie abholt. Ich denke, Lyrik ist einfach perfekt dafür – es sind kleine Kraftpakete, mit denen man ganz schnell auf eine Situation reagieren kann. Romane können das in dieser Form nicht. Außerdem hilft es denen, die schreiben selbst. Gedichte zu verfassen, bringt die Menschen näher an die eigenen Gefühle heran und es ist eben eine Aktivität, die aus der Starre oder aus der Hilflosigkeit hinausführt..

Sollten wir alle mutiger sein?

Ja, ich glaube schon. Ich selbst habe mir nie Gedanken darüber gemacht, warum irgendetwas nicht funktionieren sollte. Wenn mich etwas interessiert, dann probiere ich es aus. Natürlich sollte man sich nicht in finanzielle Abgründe stürzen. Aber wenn man etwas tut, wofür man brennt, dann geht eben auch die Motivation nicht weg. Dann hat man Lust das zu machen und brennt dafür. Und selbst wenn es nicht funktioniert – es ist für alle ein Gewinn, es entsteht ja etwas und das ist schön zu sehen. Abgesehen davon, gehören auch stragegische Überlegungen dazu. Letztendlich macht es die Mischung.

Kannst Du bitte ein bisschen was zu Dir selbst erzählen? Wie bist Du zu dem gekommen, was Du heute machst?

Das klingt jetzt banal, aber es hat sich einfach so ergeben. Ganz organisch – oder: eine Mischung aus organisch und Zufällen. Ich habe selbst im dritten Semester angefangen, Gedichte zu schreiben, habe experimentiert, habe andere dazu eingeladen, mitzumachen. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass es für meine Ideen nicht den richtigen Platz gibt, sondern dass ich ihn mir selbst schaffen muss, um mich nicht in Abhängigkeiten begeben zu müssen. So wie ich mir meine Arbeit vorgestellt habe – das hätte ich nie irgendwo in einem Unternehmen gefunden. Welcher Verlag meldet schon eine Demo an?

Wo siehst Du den Verlag in fünf Jahren?

Ich denke, der Verlag bleibt eine Mischung aus Plan und Spontanität. Das Programm für 2024 ist schon in meinem Kopf, aber wer weiß, was alles noch passiert. Grundsätzlich soll der Verlag wachsen, man darf als Verlag nicht zu klein sein, sonst hat das, was man produziert, keine Durchschlagskraft. Bleibt man zu klein, ist schwierig. Andersherum will ich aber auch nicht, dass der Verlag zu groß wird. Zehn feste Mitarbeiter*innnen sind genau richtig. Die Maschine muss gewisse Umdrehungen haben. Wird der Verlag zu groß, dann ist man als Verleger nur noch Manager. Momentan ich überall drinnen, das ist besser. Aber man kann nicht alles planen. Es gibt halt immer Glück und Zufälle. Daneben Ist es allerdings harte Arbeit, die Hartnäckigkeit braucht und vor allem muss man an die Sache glauben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Informationen unter:

www.trabantenverlag.de

Und auf Instagram unter @AntiKriegsLyrik oder @trabantenverlag

#AntiKriegsLyrik-Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Veröffentlicht am: 25.03.2022 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Jeannette Hagen,

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