Frauen in der Kunst und der (politische) Gegenwind

Frauen in der Kunst und Politik

„Kunst ist der Seismograph für die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft.“ Der Satz stammt von Dr. Sonja Lechner, die als Kunstberaterin, Kuratorin und Rednerin arbeitet und die unter der Rubrik „Frau und Werk“ einige Zeit in der Zeitschrift „emotion“ die Kunst von Frauen ins Licht gerückt hat.

Eigentlich wollte ich diese Einleitung als Sprungbrett nutzen und darüber schreiben, dass Frauen es in der freien Kunst nach wie vor schwerer haben als Männer. Dass sie häufig prekärer leben, dass ihre Werke oft weniger Beachtung finden, es ihnen seltener als Männern gelingt, eine Galerie zu finden. Laut Lechner sind nach wie vor 90 Prozent der von Museen aufgekauften Werke von Männern gemalt. 90 Prozent – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das ist zweifelsfrei eine weitere Kolumne wert.

Doch nach den Wahlen am letzten Sonntag hat der Satz von Sonja Lechner noch eine weitere Bedeutung für mich, die sich nicht in erster Linie auf die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, sondern auf die politischen Verhältnisse in unserem Land bezieht und die mir unter den Nägeln brennt. Ob das eine vielleicht sogar mit dem anderen zusammenhängt, wird sich zeigen.

Wenn, wie in Sachsen und Brandenburg geschehen, Menschen, die davon träumen, Andersdenkende einzusperren, Gegner „kalt zu machen“ und eine Leitkultur zu etablieren, aus der die freie Kunst und multikulturelle Projekte rausradiert sind, eine derart hohe Prozentzahl an Wählern begeistern konnten, dann frage ich mich, was hier gerade schiefläuft. Wie tief altes Denken verwurzelt ist und wie viel Angst offensichtlich das Neue macht. Man spricht von „Machtergreifung“ und meint damit einen Umsturz. Eigentlich eher das Zurückfallen in eine Welt, die es nicht mehr gibt, die man nur gewaltsam annähernd so zimmern könnte, wie sie einmal war. Und gewaltsam meint hier keine leichten Schläge, das zeigt ein Blick in das Wahlprogramm.

Beispiel Kunst

Schon jetzt geraten Opernhäuser, Museen und Theater zunehmend unter Druck, werden Regisseure eingeschüchtert, werden Zuwendungen hinterfragt. Kunst soll deutsche Identität stärken, deutsches Schaffen in den Mittelpunkt stellen. Dass die Welt mehr als Deutschland ist und auch die Kultur weit mehr zu bieten hat, als Blasmusik und Deutsche Kunst, wird bewusst negiert. Man weiß, wie viel Widerstand in Kunst steckt, wie aufwühlend Kunst sein kann, wie sie Menschen beflügelt, Mut macht, uns zusammenbringt, stärkt, verbindet. Kunst ist mächtig und wer Kunst beschneidet, will die Macht. Eine Macht, die anderen diktiert, wo es langgeht. Eine Macht, die irgendwann Bücher brennen lässt und Begriffe wie „entartete Kunst“ gebiert.

Neben der Kunst steht auch die Gender-Forschung und der Feminismus im Visier der „Patrioten“. Hier schließt sich der Kreis der beiden Blickwinkel auf den Satz von Lechner. Wer Frauen das Bild der 50-er Jahre aufdrücken will, wer sie an den Herd und zurück zu den Kindern schicken will, der wird einen Teufel tun, Kunst von Frauen zu fördern. Der wird das Ungleichgewicht, das jetzt schon herrscht, weiter zementieren und verstärken. Vielleicht, weil in den Betonköpfen der Rückwärtsgewandten die Frauen ebenso gefährlich wie die Kunst sind. Weil ihnen die Tiefgründigkeit, die Wildheit, das Kraftvolle, das Unbekannte, aber auch das Weiche, das Archaische, das Transzendente oder das Liebende, das sowohl in der Weiblichkeit als auch in der Kunst steckt, suspekt ist. An dieser Stelle kommen mir einige Sätze aus dem Buch „Herzenstimmen“ von Jan-Philipp Sendker in den Sinn. Ein alter Mann aus Burma, der zu seiner jüngeren Halbschwester sagt: „Wovor haben Menschen mit Gewehren die größte Angst? Vor anderen Menschen mit Gewehren? Nein. Was fürchten gewalttätige Menschen am meisten? Gegengewalt? Mitnichten. Wovon fühlen sich grausame, selbstsüchtige Menschen am meisten bedroht? Sie alle haben vor nichts mehr Angst als vor der Liebe. Liebende sind gefährlich. Sie haben keine Angst. Sie gehorchen anderen Gesetzen.“

Künstler*innen sind Liebende. Sie folgen keinem Diktat. Sie folgen der Freiheit und dem, was sich aus ihnen heraus zeigen will. Dem, was sie gebären wollen. Damit hat Kunst für mich von Hause aus schon eine sehr weibliche Komponente. Vielleicht noch ein Grund, warum sie jenen, die Freiheit und Lebendigkeit verachten, den Angstschweiß auf die Stirn treibt.

Wollen wir unsere demokratische Gesellschaft nicht den Wölfen zum Fraß vorwerfen, dann sollten wir uns nicht nur für die Freiheit der Kunst, sondern auch für die Förderung weiblicher Kunst stark machen. Frauen in der Kunst zu fördern, bedeutet, dass die Inhalte, die sie setzen und die sich von denen der Männer unterscheiden, mehr Öffentlichkeit bekommen. Wir brauchen genau das, um ein Gleichgewicht – auch in der Politik und in der Gesellschaft herzustellen. Denn auch das haben die Wahlen gezeigt: Wären nur die Frauen an die Wahlurnen gegangen, gäbe es ein anderes Ergebnis. Dann liefe die Kunst nicht Gefahr, das zu verlieren, was sie ausmacht: ihre ungebändigte Freiheit, das Fremde und Unbekannte, die Kraft der Manifestation und die Liebe zum Sein.

Veröffentlicht am: 07.09.2019 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Jeannette Hagen, | Tag: Jeannette Hagen,

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