Kolumne: Freitagabend bei Marie-Luise

Nouria Khadeeva, Foto: Uz Kirchhoff

Kunstleben Berlin Kolumne von Ludwig Graf Westarp. Marie-Luise Lange treffe ich in der Wohnung, in der sie in den Jahren von 1986 – 2016 ihren Salon veranstaltete. Sie selbst nannte ihn „Freitagabend bei Marie-Luise“. Einen lebendigen und sehr inspirierenden Vortrag über Rahel Varnhagen hatte ich im Sommer 2021 in einem Pankower Garten gehört und einige Besucherinnen und Besucher waren gekommen, die noch von den damaligen Zusammenkünften schwärmten.
Ich war neugierig, mehr über Marie-Luise Langes kulturelle Aktivitäten und ihre Motivation zu erfahren.

Es war damals die Zeit von Michail Gorbatschow und Perestroika von 1986 – 1991. Der Sozialismus schien reformierbar. Ab 1986 sollte ein Umbau vollzogen werden, die Modernisierung des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion, die von der Einheitspartei KPdSU beherrscht wurde.

Auch die Menschen in der DDR waren unzufrieden und strebten nach Veränderung. Marie-Luises Salon bot die Möglichkeit, nicht nur über Literatur, sondern auch über Politik zu sprechen.

Anfangs kamen 8 bis 10 Menschen zu den Freitagabenden. Geselligkeit und Verbindlichkeit war in der DDR etwas sehr Wichtiges. Verabredungen konnten nicht spontan per Telefon gemacht werden, da fast alle Besucher kein Telefon besaßen. Auch gab es wesentlich weniger Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, als dies im Westen der Fall war.

Nach der Wende änderte sich vieles. Frau Lange heiratete den Typografen und Buchgestalter Karl-Heinz Lange, der die Einladungen künstlerisch gestaltete und neue Menschen mitbrachte. Natürlich kamen auch Besucher aus dem ehemaligen Westberlin und Westdeutschland hinzu. So wurden es bis zu siebenunddreißig Besucher.

Der „Freitagabend bei Marie-Luise“ war nicht einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht vorbehalten. Ob gebildet oder nicht, jeder konnte teilnehmen und auch einen Vortrag halten. Erst fand der Salon wöchentlich jeden Freitag statt – nur mit Tee und Keksen, dann vierzehntägig.

Vergleichbare Veranstaltungen im heutigen Berlin laufen meist anders ab – sehr viel weniger privat und elitärer. Meistens werden Experten und dazu die passende Hörerschaft eingeladen.

Unter den Freunden und Bekannten von Marie-Luise waren viele Musiker. Deshalb veranstaltete sie von 1998 bis 2016 auch Benefizkonzerte zu Gunsten des Hospizes Nr. 1 in St. Petersburg. Herr Dr. Andrej Gnesdilow gründete das Hospiz in Jahre 1991. Später wurde er wegen seiner Verdienste Ehrenbürger der Stadt St. Petersburg. Eine peruanische Bekannte, die Gewerkschafterin und Frauenrechtlerin Delia Zamudio, hatte ein Frauenhaus in Lima gegründet, das ebenfalls mit Spenden aus den Freitagabenden unterstützt wurde.

Rückblickend auf 30 Jahre „Freitagabend bei Marie-Luise“ meint Frau Lange, dass die Besonderheit dieser Abende an den Treffen im März 1986 und im März 2011 schlaglichtartig sichtbar wird. Weil Wohnraum in der DDR knapp und Wohnungen schwer zu bekommen waren, lebten die beiden Kindern von Frau Lange mit ihren Ehepartnern und je einem kleinen Sohn im Alter von anderthalb Jahren und einem Jahr zusammen mit ihr in der Wohnung, wo der Salon stattfand. Im März 2011 war das Thema „Die drei Leben der Bettine von Arnim – Freundschaft und Briefwechsel in der Romantik und im Zeitalter der Digitalisierung“.

Den ersten Teil über Bettine gestalteten Frau Lange mit ihrer Tochter und ihrem Sohn, den zweiten Teil über das Zeitalter der Digitalisierung trugen die beiden Enkel vor, nun 25 und 26 Jahre alt.

Am meisten gewonnen, sagt Marie-Luise, habe sie selbst durch den inspirierenden Austausch mit Familie, Freunden und Bekannten. Ein Beispiel dafür ist die Malerin Nouria Khadeeva, die seit 2006 eine eifrige Besucherin der Abende war und zu einer guten Freundin wurde.

Wie damals war auch sie wieder unter den Gästen bei dem anfangs erwähnten Vortrag über Rahel Varnhagen. Khadeeva war es auch, die einen der Momente eines Abends in dem Bild einfing, das Marie-Luise Lange vor einem Flügel zeigt.

Beitragsbild: Gemälde von Nouria Khadeeva

Foto von Uz Kirchhoff.

Veröffentlicht am: 28.06.2022 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Ludwig Graf Westarp,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.