Kunst und Elternschaft

Kunst und Elternschaft_Jeannette Hagen

Jeder Autor, jede Autorin hat mit Sicherheit irgendwo in einer Ablage einen angefangenen Roman zu liegen, der nicht fertig wird oder schon fertig ist, aber keinen Verlag findet. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn auch bei mir gibt es diese berüchtigte Ablage. Als ich heute Morgen die verschiedenen Online Magazine durchgeschaut habe und dabei auf einen Artikel über Elternschaft und Kunst gestoßen bin, ist sie mir wieder in den Sinn gekommen.

Die Protagonistin meiner Geschichte, Tochter einer Galeristin, arbeitet in der Redaktion und überlegt, ob sie das Thema Eltern und Kunst zum Thema macht. Ob das überhaupt ein Thema ist. Sie recherchiert und recherchiert und findet einfach nichts dazu. Beim Überarbeiten des Kapitels habe ich diese Szene umgeschrieben. Sie kam mir zu sehr konstruiert, zu unwirklich vor.

Und dann lese ich heute Morgen ein Interview mit Hannah Cooke, die genau das zu ihrem Thema gemacht hat: Mutter- und Elternschaft im Kunstbetrieb.

Es ist verrückt, allein wenn ich es lese, merke ich, wie sich bei mir im Kopf eine Schublade öffnet, auf der steht: „Passt nicht zusammen.“ Offensichtlich sind viele von uns so konditioniert, denn ich reihe mich mit dieser Schublade in prominente Gesellschaft ein: Marina Abramović war der Meinung, dass man beides nicht unter einen Hut bringen kann und dass Männer deshalb erfolgreicher sind, weil sie auf Liebe, Kinder und Familie verzichten. Oder Tracey Emin, die überzeugt ist, dass man nur entweder 100 Prozent Mutter oder 100 Prozent Künstlerin sein kann.

Das ist doch absurd. Ich bin selbst Mutter von drei Kindern, warum um alles in der Welt soll es ein Problem sein – schließlich sind Kinder und Elternschaft ein wesentlicher Teil unserer Lebenswelt.

Ein Blick in die Kunstgeschichte der DDR zeigt, dass die Auseinandersetzung mit Rollenbildern und Familie dort von vielen Maler*innen aufgegriffen wurde. Das war aber kein Zufall oder keine Ode an die Frauen. Die junge DDR litt nach dem Krieg unter akutem Fachkräftemangel, also wurde das Ideal der arbeitenden Frau, die nebenher auch noch Mutter und Hausfrau war, hochgehalten und auch in der Kunst für alle sichtbar gemacht. Allerdings auch da überwiegend von Männern – Erich Gerlach sei als Beispiel genannt. Er stellte berufstätige Frauen und ihre Kinder mehrfach in den Mittelpunkt seiner Werke: Zum Beispiel bei „Weiterbildung und Mütterlichkeit“ – ein Bild, das eine Mutter, die mit Geodreieck und Zeichenpapier am Schreibtisch sitzt, zeigt, während das Kind neben ihr steht und von ihr umarmt wird. Heute zu sehen im Deutschen Historischen Museum in Bonn.

Ich denke, dass ein wesentlicher Grund für das Missverhältnis zwischen Realität auf der einen und Realität auf der anderen Seite damit zu tun hat, wie wir Künstler*innen sehen. Exzentrisch, Drogen und Rotwein konsumierend, nachts arbeitend, von Musen umgeben, unabhängig, cholerisch – um nur einige Klischees zu bedienen. Das passt natürlich nicht zu der Madonna in unseren Köpfen, die ihren Säugling in den Armen hält und stillt. Vielleicht täte ein bisschen DDR-Renaissance in diesem Falle gut, allerdings ohne Propaganda, sondern nur mit dem nüchternen Blick auf das, was uns umgibt.

Es ist wohl an der Zeit, die Schubladen zu öffnen, den Mief zu entsorgen und Platz für eine Lebensrealität zu schaffen, die schon ewig herrscht, aber offensichtlich immer noch Mühe hat, in die Köpfe einzudringen. Daran, dass sich das ändert, können wir alle arbeiten – egal ob Künstler*in oder nicht.

Interview: Künstlerin Hannah Cooke “Der Kunstbetrieb muss elternfreundlicher werden”

Veröffentlicht am: 09.04.2021 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Kultur - was sonst noch passiert, Kunst, Kunst - was sonst noch passiert, Redaktion-Tipp, | Tag: Kolumne Jeannette Hagen,

Eine Idee zu “Kunst und Elternschaft

  1. Thorsten Vanselow sagt:

    Toller Artikel und ich kenne es aus meiner Zeit der Vaterschaft, da hat die Zeit für Kunst neben Beruf und Familie definitiv gefehlt. Da ich mittlerweile entsorgter Vater bin, kann ich mich wieder vermehrt um meine Kunst kümmern. Obwohl ich darüber logischerweise auch nicht wirklich glücklich bin. Danke an Jeanette für diesen Artikel.

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