Landwirtschaften: Paul Wans in der LDXArtodrome Gallery Berlin

Die technisch perfekten, teils großformatigen Aquarelle von Paul Wans faszinieren jeden Betrachter. Wie schon der Kulturkritiker Walter Filz einmal treffend bemerkte, lässt sich der Künstler nicht etwa als Landschaftsmaler oder gar als Tierporträt von Kühen, Hühnern und Ziegenböcken begreifen, sondern vielmehr als „Landwirtschaftsmaler“ – zumindest oberflächlich gesehen.

Unverhohlen spüren wir die starke sozialkritische Komponente in Paul Wans´ Oeuvre, die in eine vielleicht nicht gerade angenehme Kulturkritik mündet. Doch auch da bleiben seine vom Realismus geprägten Werke nicht stehen. Sie konfrontieren jeden Betrachter mit dem eigenen Selbst, mit dem Ideal eines bewussten Umgangs mit Tieren und mit der meta-physischen Frage, inwiefern der Mensch sich überhaupt über das Tier erheben kann, das heißt, worin wohl die Gründe bestehen könnten, dass er ein anderes Lebewesen als seine Nahrung betrachtet.

Paul Wans spielt gekonnt mit verschiedenen Dualismen. Zumeinen suggeriert er im Betrachter bei seinen sogenannten „Sprachspielen“ eine bestimmte Erwartung durch den Titel, die sich dann doch nicht in der Darstellung erfüllt. Wenn sein Publikum beispielsweise „Rindergehacktes“ als Titel „vorgesetzt“ bekommt, fühlt sich der Betrachter durch die Bildrealität desillusioniert, die statt dem tatsächlichen Rindergehackten ein potentielles Rindergehacktes zeigt – nämlich das noch lebendige Rind. Dies beschert uns ein blitzartiges Aufleuchten einer Erkenntnis.

Zwischen Erwartung und Entfremdung also, gewürzt mit einer deftigen Portion von sarkastischem Humor, liegt die eigentliche Bedeutung des Bildes. Sie findet sich nicht auf der oberflächlichen Ebene der physischen Bildrealität. Paul Wans schult den Blick seines Publikums und lenkt ihn mühelos von einem rein visuellen Wahrnehmen zu einem sehenden Erkennen.

Dies gelingt ihm auch durch den Einsatz des Gefühlsdualismus von Sympathie und Abstoßung. In „Nr. 96“ blicken wir auf ein putziges, süßes Schweinegesicht, das wir uns durchaus als Modell für ein neues Plüschtier vorstellen könnten. Doch ausgerechnet diese Anwandlung an gedanklicher Verniedlichung und „Liebe auf den ersten Blick“ wird durchkreuzt. Nicht nur durch den Titel, sondern dieses Mal auch durch die lästige Marke am Ohr, die beide auf das künftige Schicksal des Ferkels hinweisen. Damit werden wir selbst zum Schuldigen, denn es ist uns als Menschen schwer möglich, das, was wir ins Herz geschlossen haben, ohne Rechtfertigung zu vernichten. Die Sympathie verwandelt sich in ein Mitleiden, und wir empfinden uns in unserem eigenen Handeln als abstoßend. Dieser Moment der Distanz zu unserem Selbstmacht uns auch zu einem kulturkritischen Subjekt, denn wir erleben uns als Teil eines größeren Ganzen, einer kulturellen Mentalität, die es anzuklagen gilt.

Paul Wans mag man thematisch mit seinem Anliegen unzweifelhaft als typischen Zeitgenossen entlarven. Blickt man nur auf das einzelne Bild, ist man sich allerdings der innovativen Kraft, die dem Gesamtoeuvre von Paul Wans innewohnt, nicht gleich bewusst. Der Künstler nutzt nämlich einen weiteren Dualismus, der sich nur im Vergleich von Bild zu Bild offenbart. Ähnlich wie mit der Linse eines Fotoapparats zoomt Paul Wans seine Objekte ein und aus, das heißt, mal schenkt er dem Detail am Tierkörper die Aufmerksamkeit, mal belegt er den Gesamtkörper der Tiere in ihre Umgebung ein. Des Öfteren verwendet Paul Wans dabei auch Material wie ein Stück echten Stacheldrahtzaun. Man könnte bei diesem Wechselspiel zwischen Mikro- und Makroperspektive auch von einer Dekonstruktion der Wirklichkeit sprechen, die Paul Wans aber atypisch für den Dekonstruktivismus anwendet.

Landwirtschaften

22. Juli – 11. August 2017

Linienstraße 111
10115 Berlin

Datum: 22.07.2017 – 22.07.2017

LDXArtodrome Gallery Berlin

Veröffentlicht am: 22.07.2017 | Kategorie: Ausstellungen, | Tag: LDXArtodrome Gallery, Paul Wans,

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