Realität oder falsche Wahrnehmung?

Realität oder falsche Wahrnehmung - Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Als ich in den letzten Tagen auf der Suche nach einem neuen Thema für diese Kolumne war und ich nacheinander alle Zeitungsartikel und Meldungen, die ich markiert hatte, durchscrollte, kam ich zu dem Schluss, dass es insgesamt ziemlich düster für die Kunst in Deutschland aussehen muss…

Ich weiß nicht, ob ich in letzter Zeit eine spezielle Spürnase für negative Meldungen hatte, aber Galeriesterben reihte sich an mittellose Künstler*innen, Angriffe von Rechts auf Theaterhäuser gesellten sich zu schwarzmalerischen Analysen, am Ende wurde das Ganze durch Einschränkungen der Kunstfreiheit und schlechte Aussichten für die Zukunft der Kunst insgesamt gerahmt.

Aber mal ehrlich. So schlimm kann es nicht sein. Ich war in den letzten Monaten viel unterwegs auf Ausstellungen, in Theatern und Kulturhäusern. Nicht immer nur große Häuser, auch kleinere Veranstaltungen waren dabei. Gestern zum Beispiel war der Literarische Salon von Britta Gansebohm gut gefüllt, obwohl das Thema „Ihr habt keinen Plan“ Nachsatz: „Darum machen wir einen“ nicht jeden anspricht, wird doch der Klimawandel und seine Auswirkungen bis heute gern von uns allen verdrängt. Aber das nur am Rande. Was ich sagen will ist: Was ich in der letzten Zeit erlebt habe, waren großes Interesse an der Kunst und immer wieder ausverkaufte Häuser.

Wie kommt sie also zustande, diese Diskrepanz zwischen dem, was wir hören oder lesen und dem, was ist? Sind wir so aufs Jammern und Lamentieren fokussiert, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie unglaublich vielfältig, bunt, interessant und tiefgehend gerade die Berliner Kulturszene ist? Wie privilegiert wir sind, in einer Stadt zu leben, die wahrscheinlich mehr Theater, Opernhäuser, Museen, Galerien und Kultureinrichtungen hat, als das ganze Land Brandenburg zusammen? Oder verpassen wir der Kunst und allem, was damit zusammenhängt, ein Mäntelchen, damit sie niemand anrühren möge. Vielleicht erinnerst Du, liebe/r Leser*in an die Debatte, an das Buch Kulturinfarkt, in dem 2012 vier Kulturmanager gegen die – ihrer Meinung nach uferlose – Kultursubventionierung anschrieben. Sie hinterfragten aber nicht nur die Finanzierung, sondern auch die Sinnhaftigkeit der vielen Einrichtungen. Macht Kunst uns wirklich zu besseren Menschen? Wurde ein Krieg verhindert, weil Künstler sich dagegengestellt und ihren Widerstand öffentlich performt hatten? Wahrscheinlich eher nicht.

Ich bin mir trotzdem noch nicht ganz schlüssig, wie das alles zu bewerten ist. Ob sich tatsächlich nur der Fokus verschoben hat, weil es meist nur die negativen Nachrichten in die Presse schaffen oder ob wir wirklich real in einer Welt oder Stadt leben, in der die Kunst um Publikum und Bedeutung kämpfen muss.

Vielleicht erkläre ich dieses Jahr zu meinem ganz persönlichen „Kunstjahr“, um der Frage auf den Grund zu gehen.

Link zum Literarischen Salon: www.salonkultur.de

Veröffentlicht am: 18.01.2020 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Kultur - was sonst noch passiert, Kunst - was sonst noch passiert, Redaktion-Tipp,

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