Angeschaut: Alberts Camus „Die Pest“ im Deutschen Theater

Alberts Camus „Die Pest“ im Deutschen Theater, Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Während in Brasilien ein rechter Präsident die Corona-Pandemie verharmlost und damit in Kauf nimmt, dass sich – Stand gestern – knapp 35.000 Menschen an einem Tag infiziert haben, übertreffen sich die Städte und Gemeinden in Deutschland mit ihren Lockerungsmaßnahmen. Warum ich das einer Theaterkritik voransetze? Weil wohl kaum ein anderer Roman diese Situation so gut spiegelt, wie Albert Camus‘ „Die Pest“. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass das Deutsche Theater die Öffnung des Hauses mit diesem Stück – ich möchte fast schreiben: feiert.

Aufgeführt im Freien, mit Mindestabstand, entfaltet die, von der Originalversion (Premiere 15. November 2019) leicht abgewandelte Vorstellung einen ganz eigenen Zauber. Trotz der lichten Reihen fühlt es sich an, als ob man sich mit Freunden trifft. Die Besucher*innen lächeln sich an, man fühlt sich verbunden. Trotz der ungewöhnlichen Performance liegt die Freude darüber, endlich wieder Theater genießen zu können, in der Luft. Für mich passte das Gesamtbild zu meinem dominanten Gefühl, noch nicht in der Normalität angekommen zu sein. Es ist nicht vorbei, auch wenn die Neuinfektionen bei uns auf einem niedrigen Stand sind. Auch wenn die AfD bei Umfragen auf unter zehn Prozent gefallen ist. „Rieux wusste, dass der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Nach der ersten Aufführung am 12.Juni schreibt die Taz, dass die Gegenwart die Kunst verändert hat und: „Es ist definitiv ein anderes Zuschauen nach dieser erzwungenen langen Theaterabstinenz. Es ist bewusster als vorher und dankbarer. Dieser Theaterabend wird bleiben. Wegen der besonderen Umstände, aber vor allem auch wegen seiner Relevanz. Inhaltlich und ästhetisch.“ Ich kann dem nur zustimmen. Dass das so gelungen ist, liegt vor allem auch an Božidar Kocevski, der das Stück diesmal allein spielt, was es für mich persönlich noch besser macht. Vielleicht weil es ihm mit seiner Präsenz und seinem Können gelingt, den Platz zu füllen, vielleicht weil die Reduzierung so gut zur Gesamtsituation passt, wie das Stück selbst.

Alberts Camus „Die Pest“ im Deutschen Theater

Die Zeitlosigkeit zeigt sich vor allem auch darin, dass der Mensch auch heute wieder droht in der Masse zu verschwinden. Militärwagen bringen Tote aus Städten, Massengräber werden ausgehoben. Der Arzt Rieux, der zugleich Erzähler und Hauptfigur ist, formuliert dagegen eine „Ethik der Tat, deren Maßstab das einzelne Menschenleben ist“, wie die FAZ in einer Kritik zum Stück schreibt.

Ja, die Gegenwart hat die Kunst verändert. Mit dieser Aufführung holt sie uns noch dichter in das Geschehen, welches wir gerne ausblenden, weil es unbequem, lästig und beängstigend ist. Aber wir können uns den Tatsachen nicht entziehen. Wir werden ihnen ins Auge blicken müssen und uns immer wieder fragen, welche Möglichkeiten des Handelns wir in Katastrophenzeiten haben. Wer Antworten sucht, sollte sich die Aufführung im Deutschen Theater nicht entgehen lassen.

Tickets

Das Stück wird HEUTE am Donnerstag, den 18.06. noch einmal gespielt und es gibt eventuell noch Restkarten an der Abendkasse.
https://www.deutschestheater.de/programm/a-z/die-pest/

Veröffentlicht am: 18.06.2020 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Kultur - was sonst noch passiert, Redaktion-Tipp,

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