Ein Foto kommt selten allein. Paare, Reihen, Serien aus der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek

Helga Paris: Aus der Serie Berliner Kneipen,1975. © Staatliche Museen zu Berlin,Kunstbibliothek, Ein Foto kommt selten allein

Im Duett, zu dritt oder in vielteiligen Serien formieren sich Fotografien manchmal zu Kunstwerken, die mehr sind als nur die Summe ihrer Teile. Es sind Bildereignisse ganz eigener Art. Erstmals wird im Museum für Fotografie dieses faszinierende Phänomen zum Thema einer Ausstellung: „Ein Foto kommt selten allein“. Dafür wurde aus den Neuerwerbungen der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek der letzten 25 Jahre ein Ausstellungsparcours komponiert, der die ganze Vielfalt der Bestände thematisch fokussiert vorführt.

Ein technisches Bildmedium wie die Fotografie ist geradezu prädestiniert für die Vervielfältigung und Wiederholung. Die Möglichkeit, mit mehreren Aufnahmen über ein Bild hinaus mit weiteren Bildern metaphorisch in Raum und Zeit hinaus-zugreifen, faszinierte die Fotografinnen und Fotografen bereits im 19. Jahrhundert.1 Und so kommen Fotos selten allein und werden als Paare, Gruppen, Folgen, Reihen, Sequenzen, Zyklen und Serien gezeigt. Es ist vor allem ein Kennzeichen der Moderne, die Serialität des Mediums Fotografie zur Grundlage konzeptueller Arbeit zu machen und aus der Koppelung von mehreren Fotografien einen Mehrwert zu generieren. Daher wurde die Auswahl in der Ausstellung auf Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert konzentriert. Gezeigt werden über 180 Arbeiten von 45 Fotografinnen, Fotografen und Künstlerpaaren. Es gibt Neuentdeckungen von bislang in der Geschichte der Fotografie kaum berücksichtigten Positionen und ebenso aber Wiederbegegnungen mit bedeutenden Werken des 20. und 21. Jahrhunderts, darunter von Otto Steinert, Boris Mikhailov, Francesca Woodman, Barbara Klemm, Man Ray, Anna und Bernhard Blume. Gegliedert ist die Präsentation in drei große Themenblöcke „Menschen“, „Architekturen“ und „Experimente“.

Dieter Appelt: Canto Nr. 1, 1987. © Dieter Appelt, Ein Foto kommt selten allein
Dieter Appelt: Canto Nr. 1, 1987. © Dieter Appelt, Ein Foto kommt selten allein

 

Der Abschnitt „Menschen“ zeigt Starporträts aus den 1920er- und 1930er-Jahren von Martin Badekow (Marlene Dietrich) und Brigitte von Klitzing (Pola Negri), Selbstporträts von Josef Faustin, Aufnahmen einer Body-builderin von Willy Fleischer, gewagte Experimente mit der Perspektive von Willi Ruge, Bildessays aus Ost-Berliner Kneipen von Helga Paris, aus spanischen Cafés von Dirk Alvermann oder aus einem italienischen Frisiersalon von Francesca Bertolini, Boris Mikhailovs Serie über den Alltag der Stadt Charkow, Louis Stettners Liebesbilder und -gedichte für seine Frau Janet, ein Triptychon des Ballettstars Vladimir Malakhov von Dieter Blum, Duane Michals‘ Porträtfolge von Andy Warhol, Körperexperi-mente von Dieter Appelt, Gerd Bonfert und Francesca Woodman sowie Studien zum Menschenbild mit Substituten von Claudia Fährenkemper, Robert Hehlke und Allan McCollum/Laurie Simmons.

Im Abschnitt „Architekturen“ sind ebenso klassische Dokumentationen wie ungewöhnliche Annäherungen an die Gattung Architekturfotografie zu fin-den: Einsame Tore von Cesare di Liborio, atmosphärisch dichte Annähe-rungen an die Antike von Vasco Ascolini, streng aufgefasste armenische Bushaltestellen von Ursula Schulz-Dornburg, Berliner Mauern von Janos Frecot, monumentale Architekturabstraktionen von Dokyun Kim, eine Serie über Kunst am Bau von Robert Häusser, Werbung für den Stahlbau von Karl Hugo Schmölz und für die petrochemische Industrie von Ludwig Windstosser, eine Dokumentation aus der Friedrichswerderschen Kirche von Hillert Ibbeken, Takashi Hommas Bildpaar „Tokyo and my Daughter“, Fensterbilder von Karl-Ludwig Lange und Andres Kilger, Barbara Klemms Ruinenfotos des ehemaligen Museums für Kunstgewerbe, Aufnahmen vom Kaisersaal des Landwehrkasinos – bevor es zum Museum für Foto-grafie wurde – von Sabine Felber und André Kirchner sowie Eisenbahn-schienenfotos von Aenne Biermann, Otto Steinert und Ivo Přeček.

Martin Badekow: Marlene Dietrich, 1926-1927. © F. Badekow, Ein Foto kommt selten allein
Martin Badekow: Marlene Dietrich, 1926-1927. © F. Badekow, Ein Foto kommt selten allein

 

Auch bei den „Experimenten“ ist die Vielfalt groß – zu sehen sind Foto-gramme von Man Ray, Gerda Schütte und Floris Michael Neusüss, Farb-luminogramme von Heinz Hajek-Halke, Mikrofotografien von Alfred Ehr-hardt, eine fotografische Tunneldurchfahrt von Richard Boulestreau, Fotocollagen von Hetum Gruber, Mauerfotos von Hans Christian Adam sowie der surreale Tellertraum von Anna und Bernhard Johannes Blume.

Die Exponate der Ausstellung stammen aus der reichen Sammlung Foto-grafie der Kunstbibliothek, die seit 2004 das Museum für Fotografie in Kooperation mit der Helmut Newton Foundation betreibt. Seit 150 Jahren sammelt die Kunstbibliothek Werke der Fotokunst und Belege der Foto-grafie-Geschichte. Wurden im 19. Jahrhundert zunächst nur dokumenta-rische Fotografien von Gebäuden und Gegenständen des Kunstgewerbes erworben, entwickelte sich das Haus um 1910 zu einem Zentrum der auf-strebenden Kunstfotografie. Hier wurde eine der ersten musealen Samm-lungen des Piktorialismus angelegt. Gleichermaßen wurden in den 1920er-Jahren die Strömungen der Avantgarde – das Neue Sehen – aus-gestellt und gesammelt. Nach 1933 kam die Sammeltätigkeit im Bereich Foto-grafie weitgehend zum Erliegen. Umso spannender sind die Erwerbungen der zurückliegenden 25 Jahre, vor allem die großzügigen Gaben von Fotografinnen und Fotografen, von Mäzenen und dem Verein der Freunde des Museums für Fotografie.

Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek, sagt dazu: „In Zeiten knapper Erwerbungsmittel ist es für öffentliche Sammlungen besonders wichtig, Gönner und Freunde zu haben, die sich für den kontinuierlichen Ausbau einer so hochkarätigen Sammlung einsetzen. Jedes Geschenk hat ein multiplikatorisches Potenzial – weil es eine Sammlung glücklich macht und weil eine glückliche Sammlung immer eine attraktive Adresse für weitere Schenkungen ist.“

Ein Foto kommt selten allein

12. Februar bis 5. Juni 2016

Museum für Fotografie

Jebensstr. 2
10623 Berlin-Charlottenburg

Veröffentlicht am: 29.02.2016 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: Ein Foto kommt selten allein, Kalender, Kunstbibliothek, Pressemitteilung, Sammlung Fotografie,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verpasse keinen Kunst Event mehr...

Holler Box