Galerie Burster präsentiert Nina Röder mit „bath in brilliant green“

galerie burster präsentiert Nina Röder mit bath in brilliant green

Antoine Roquentin verliert die Welt, weil sie ihm zu nahe kommt. Er kann sie kaum ertragen, die dicke schwarze Kastanienwurzel, die sich unter seiner Parkbank in die Erde bohrt. Und auch die schwitzenden Gesichter, der Leute, denen er in den Cafés begegnet, erträgt er nicht mehr.

Die Dinge der alltäglichen Welt „sind da“, normalerweise. Die Wurzel ist nicht einfach da; durch Roquentins Ekel beginnt sie zu „existieren“ wie „eingeknetet“, diffus aufgelöst in einer sinnlichen Überfülle aus spröder Schwärze, wulstiger Oberfläche und dunklem Geruch. Ekel ist ein ästhetisches Gefühl, weil Ekel eine Differenz in die Welt aus selbstverständlich gewordenen Wahrnehmungen bringt und eine Ambivalenz schafft, zwischen Angezogen-Werden und Abgestoßen-Sein.

Bei Sartre eignet sich derbEkel für sein literarisch-philosophischesbExperiment, weil er das Geflechtbaus Beziehungen – sinnlichen wie sozialenbb- enthüllt, in denen Menschen undbDinge nicht einfach miteinander „dabsind“, sondern „existieren“. Zwei tote Tiere liegen reglos zwischen hellen Steinen auf dem Waldboden. Moos überzieht Bäume und Steine mit einem feuchten, grünen Pelz. Ein unscheinbarer Tümpel verschluckt einen mamorweißen Körper. Überhaupt immer wieder Körper, beklebt mit Disteln, Knospen und Samenkapseln. Einer von ihnen hat sich in den schmalen Graben entlang einer Wiese gelegt. Ein anderer krümmt sich elastisch über einem Bachbett aus schwarzen Steinen.

Solche Bilder können schnell zuviel werden, zuviel dunkle Naturromantik, zuviel leicht rätselhafte Poesie des Organischen, zuviel Tiefgründiges und tief Gründelndes. Nina Röders Fotoserien „a little deeper than you thought“ und „I like the green of your shirt“ wollen aber gar nicht so tief gehen, sondern nur „a little deeper“. Es sind fotografische Arbeiten entlang einer minimalen Differenz. Es geht um kleine Verschiebungen und Rahmungen. Im Arragieren der Objekte und im Komponieren des Bildes liegt die große Stärke von Nina Röders fotografischer Arbeit und dies lässt sich bis zu ihren ersten inszenierten Fotografien zurückverfolgen.

Glücklicherweise verlieren sich diese beiden Fotoserien nicht in zuviel Tiefgründigem, sondern überlassen sich den Oberflächen, Formen und Zufälligkeiten und wirken dabei genauso sinnlich und organisch, wie auch formalistisch und konkret. Natürlich gibt es hier Romantik, aber
nie ohne die gekonnte Brechung durch die Performance und das Konzept. Auf jeden Fall geht es hier um Formen des Spürens, aber immer in Verbindung mit einer etwas irren Idee, wie die dem haarigen Mann ein flauschig trocknes Gewächs auf die Schulter zu kleben oder sich der Silberdistel mit spitzer Zunge zu nähern. Dinge ergeben sich, Bilder bilden sich, formen sich und passen zueinander, scheinbar wie aus eigener Kraft. Da braucht es gar kein tiefes und dunkles Darunter oder Dahinter.

Und Fotografien sind ja immer auch genau das, harte rechteckige Rahmen, in denen sich ästhetische Kräfte versammeln – ob schwer zu greifende Stimmungen oder konzeptuelle Gedanken. „I like the green of your shirt“ – es braucht nur das Grün, die Qualität, keinen tieferen Sinn, nur ein sattglänzendes Gummibaumblattwerk, in seiner ganzen Schönheit und Schrägheit. Ähnliches passiert auch mit den „Menschen“ oder eigentlich müsste man von „Körpern“ sprechen, die sich ganz sinnlich, menschlich im Wortsinne der Natur anschmiegen und in ihr doch wieder wirken wie Statuen oder Fremdkörper.

Ein bisschen fühlt man sich bei Nina Röders Fotografien an die Performances und Installationen des französischen Künstlers Pierre Huyghe erinnert, dessen Kunst auf ähnlich ästhetische Verschiebungen entlang der Differenz von Natur und Kunst zielt. Antoine Roquentin, der auf seiner Bank im Rausch des ekelhaften Überflusses ganz existenzialistisch den Weltverlust durchlebt, sinnlich bedrängt von einer Kastanienbaumwurzel – diese Szene ist so beeindruckend wie lachhaft. Und genau so macht dieser Kippmoment des Sinns auch den Ekel aus – so schrecklich und so schön, dass man lachen muss, genießerisch und erschrocken. Nina Röders Fotografien nutzen dieses instabile Moment des Sinns und halten den irritierten Blick des Betrachters in Bewegung.

bath in brilliant green

18.11.2016 – 14.01.2017

galerie burster

Kurfürstendamm 213
10719 Berlin

Veröffentlicht am: 16.11.2016 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: bath in brilliant green, Fotografie, Galerie Burster, Nina Röder,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verpasse keinen Kunst Event mehr...

Holler Box