Kolumne: Cancel Cultur?

cancel cultur, Kunstleben Berlin Kolumne von Andre Lindhorst

Kunstleben Berlin Kolumne von André Lindhorst. Es muss selbstverständlich eine kritische Distanz geben gegenüber einer russischen Kunst, die zum Beispiel erkennbar der Propaganda dient. Doch keineswegs darf das russische Kulturschaffen generell verurteilt werden. 

„Putins Krieg gegen die Ukraine verändert die kulturelle Wahrnehmung“, schrieb der Tagesspiegel am 17. März. Und der renommierte Moskauer Historiker Andrei Subow konstatierte kürzlich: „Die öffentliche Meinung in den meisten Ländern der Welt ist für Russland auf viele Jahre verloren.“

Das sind ebenso deprimierende wie ernstzunehmende Prognosen. Putins Angriffskrieg hat nicht nur das Vertrauen des Westens in Russland, sondern auch der russischen Gegenwartskultur schweren Schaden zugefügt. Es scheint, als habe der Kalte Krieg nur eine längere Pause gemacht, um umso schlimmer und unerträglicher zurückzukehren.

Unbedarft wird man der russischen Gegenwartskultur so schnell nicht mehr entgegentreten können. München hat sich vom Putin-Freund und Chefdirigenten der Münchener Philharmoniker, Valery Gergiev, getrennt. Ausstellungen russischer Gegenwartskünstler wurden gecancelt. Russische-deutsche Kunstkooperationen sind auf Eis gelegt. Und jüngst wurde sogar die Totalblockade der russischen Kultur ins Gespräch gebracht.

Es muss selbstverständlich eine kritische Distanz geben gegenüber einer russischen Kunst, die zum Beispiel erkennbar der Propaganda dient. Doch keineswegs darf das russische Kulturschaffen generell verurteilt werden. Alles mühsam Aufgebaute wäre zerschlagen. Schließlich sehen wir, wie erheblich die Freiheit der Meinung Kulturschaffender in Russland – seien es Bildende Künstler, Musiker oder Schriftsteller – inzwischen eingeschränkt ist. Das ist zu bedenken! Widerstand gegen das Regime ist gefährlich. Wie aufrecht muss man sein und welchen Mut muss ein Einzelner aufbringen, um offenen Widerspruch zu wagen, wenn Jahre im Gefängnis drohen und ein Großteil der Gesellschaft vor Angst schweigt?

Wir hören von mutigen Frauen, die sich trotz Schikanen, Androhung von Zwangsgeld und von Haft gegen den Krieg und gegen die Einschränkung der Pressefreiheit demonstrieren. Wir sahen im Fernsehen die couragierte Marina Owsiannikowa, die während der Abendnachrichten des russischen TV-Staatssenders ein Schild – „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Ihr werdet hier belogen“ –  hochhielt. Und wir erlebten die unbeirrte Aktivistin und Künstlerin Jelena Osipowa, wie sie, das Protestplakat fest in den Händen haltend, von Polizeibeamten abgeführt wird.

Wir nahmen auch die Stimme der Bildenden Künstlerin Alexandra Sukhareva wahr, die in diesem Jahr den russischen Pavillon auf der Venedig Biennale bespielen sollte und die mit den Worten absagte: „Es gibt keinen Platz für Kunst, wenn Zivilisten unter dem Beschuss von Raketen sterben, wenn sich die Bürger der Ukraine in Bunkern verstecken, wenn russische Demonstranten zum Schweigen gebracht werden.“ Und es gab weitere Reaktionen aus der Kultur. Beispielsweise hat die russische Sopranistin Anna Netrebko von sich aus Konzerte abgesagt um ein Zeichen gegen Putins völkerrechtswidrigen Krieg zu setzen.

Zusammengenommen sind diese Meldungen bedeutsame Signale. Es sind Signale, die weltweit gehört werden. Sie zeugen davon, dass sich die Kultur nicht mundtot machen lässt. Von uns brauchen Kulturverantwortliche und Kulturschaffende, die in Russland oder diejenigen, die ins Exil gegangen sind, jetzt ebenfalls ermutigende Signale. Beistand und internationale Solidarität sind erforderlich und nicht Boykotte oder gar eine Cancel Culture gegen Russland, wie sie kürzlich gefordert wurde.

„Kunst ist und bleibt das wichtigste Mittel der Völkerverständigung und der Versöhnung der Menschen, die auf der Suche nach Verständnis, Toleranz und Humanismus sind“, dieser Satz, vor dreißig Jahren geschrieben vom Kulturausschuss der Moskauer Regierung als Grußwort zu einem Deutsch-Russischen Austauschprojekt, muss uns eine immerwährende Verpflichtung bleiben.

Das durch die jahrzehntelangen intensiven Kulturkontakte zwischen Russland und Deutschland Erreichte nun komplett in Frage zu stellen und die russische Gegenwartskultur durch eine Cancel Culture zu ächten oder zu isolieren würde heißen, einen Schaden anzurichten, der kaum wieder gutzumachen wäre.

André Lindhorst

Offener Brief zu den hier im Beitrag gezeigten Postkarten

 

Offener Brief

Dem Botschafter der
Russischen Föderation in Deutschland Sergei Jurjewitsch Netschajew
Unter den Linden 63 – 65
10117 Berlin

Sehr geehrter Herr Netschajew,

ich bereite Sie hiermit auf Post vor, die Sie vermutlich in den kommenden Tagen erreicht. Viel Post. Von vielen Bürgern dieses Landes.

Es werden Foto-Postkarten sein. Karten, die eine Aktion dokumentieren, die ich, als seit jeher friedensbewegter Künstler, am 24. Februar 2022 durch- geführt habe, aus Protest gegen den russischen Einmarsch in die Ukraine: Ich bin an diesem Tag nach Berlin gefahren, zum Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni, für eine appellative Friedens-Kunstaktion. Textbänder wurden dabei auf dem Ehrenmal platziert, u.a. an den dort stehenden Geschützen, als temporäre Mahn-Installation. Auf ihnen, in Deutsch und Russisch, ein Zitat aus dem Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ des Osnabrücker Autors Erich Maria Remarque: „Und langsam häufen sich auf dem Feld die Toten“.

Die Aktion war nach einer Stunde vorüber und keine generelle Verurteilung Russlands. Es lag mir fern, das Andenken der Toten zu stören, die historische Leistung der Roten Armee bei der Befreiung NS-Deutschlands zu schmälern. Die Aktion wandte sich einzig gegen den Krieg in der Ukraine, der sich, wie ich betonen möchte, in meinen Augen durch nichts rechtfertigen lässt und einzig Leid verursacht.

Die russische Inschrift des Ehrenmals besagt: „Ewiger Ruhm den Helden, die für die Freiheit und Unabhängigkeit der Sowjetunion im Kampf gegen die faschistischen deutschen Eindringlinge gefallen sind.“ Jetzt hat Russland als Aggressor in die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine eingegriffen, ist selbst der Eindringling. Russische Helden gibt es in dieser Invasion nicht. Das muss benannt werden.

Auf den Fotokarten, die wir voradressiert haben, steht ein weiteres Remarque-Zitat: „Krieg ist zu allen Zeiten ein brutales Werkzeug der Ruhmgier und der Machtlust gewesen, immer in Widerspruch mit den Grundprinzipien der Gerechtigkeit, die allen moralisch gesunden Menschen innewohnen.“ Ich weiß nicht, wie viele Karten Sie erreichen werden. Ich hoffe, es sind viele.Verteilt werden sie bundesweit.

Es ist Post, die ein Zeichen setzt. Ich bin mir sicher, es kommt bei Ihnen an, in doppeltem Sinne.

In der Hoffnung, dass Sie sich in Moskau für ein Ende des Angriffs verwenden.

Volker-Johannes Trieb

Veröffentlicht am: 01.04.2022 | Kategorie: Kolumne Andre Lindhorst, Kultur, Magazin,

Eine Idee zu “Kolumne: Cancel Cultur?

  1. Evelyne sagt:

    Ich kann nur ein großes Danke sagen. Und Respekt.
    Denn die plötzliche verallgemeinernde und ablehnende Haltung allem Russischen gegenüber seit Kriegsausbruch empfinde ich mehr als peinlich.
    Cancel Culture muss immer mit sehr sehr viel Bedacht betrachtet werden.

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