Kolumne: Systhema. Positionen des Konkreten

Systhema. Positionen des Konkreten

Kunstleben Berlin Kolumne von Jana Noritsch. Immer wieder hören wir es munkeln: Es gibt viele private Kunstsammler*innen in der Potsdamer Umgebung. Nun lohnt sich diesen Sommer ein Ausflug nach Potsdam – nicht um ins Barberini oder die Villa Schöningen zu gehen, sondern um eine Sammlungsausstellung zu besuchen: Am 25. Juli eröffnete die Ausstellung Systhema. Positionen des Konkreten bis zum 05. September 2021 im KunstHaus Potsdam. Sie bietet einen wichtigen Überblick zu den Arbeiten der Ende 1974 gegründeten Künstlergruppe SYSTEMA. Warum haben sich die 12 Künstler, darunter eine Künstlerin, als eine Gegenbewegung zusammengeschlossen? Und an welchen Positionen haben sie gearbeitet? Leihgeber ist mit Ausnahme eines Kunstwerkes die Privatsammlung Siegfried Grauwinkel (s.u.).

Systhema – Die Künstlergruppe

1974 gründete sich in Berlin die Gruppe SYSTHEMA mit den internationalen Künstler*innen: George Rickey (*1907), Jan Kotik (*1916), Johannes Geccelli (*1925), Rudolf Valenta (*1929), Peter Sedgley (*1930), Klaus J. Schoen (*1931), Christian Roeckenschuss (*1933), Andreas Brandt (*1935), Kristin Gerber (*1938), Stefanos Gazis (*1943), Frank Badur (*1944) und Thomas Kaminsky (*1945). 

Alle miteinander verbindet die Auflehnung gegen das damals herrschende Establishment: Sie sahen innerhalb der Kunstszene die Notwendigkeit, „auf einen Mangel inmitten der realistischen Tendenzen“ aufmerksam machen. Andreas Brandt formuliert in einem Brief an Hans Uhlmann als Ziel:

“[…] auf der diesjährigen Freien Berliner Kunstausstellung eine Gruppe von Malern und Bildhauern zusammenbringen, die sich intensiv mit rein bildnerischen Problematiken auseinandersetzen […]”, um zu “demonstrieren, dass es in Berlin eine Tradition sachlichen, künstlerischen Arbeitens gibt.” 

Im Gegensatz zu unserer gegenwärtigen Zeit gründeten sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ganz unterschiedlich intensive und ausgerichtete Künstlerkollektive. Merkmale der gegenseitigen Abgrenzung waren immer der Drang nach Universalem versus nach Subjektivität, Minimalismus versus Opulenz, Abstraktion versus Gegenständlichkeit. 

In einem der Briefe an Karl Ruhrberg, die der Sammlung Grauwinkel vorliegen, macht Andreas Brandt deutlich, dass die Gründung der Gruppe SYSTHEMA Mitte der Siebzigerjahre ein “Versuch, dem Unbehagen an der Berliner Kunstszene, die sich mehr und mehr nur noch an sich selbst orientiert, d. h. sich mehr und mehr einer wirklichen Kunstdiskussion entzieht, eine Antwort entgegenzustellen” sei. “Der ursprüngliche Name war SYSTEM, der meinte den Nenner, der sich hat finden lassen”, so schreibt Brandt weiter, “für die verschiedenen teilnehmenden Künstler: Alle arbeiten mit einer gewissen Systematik bildnerischer Mittel, alle verstehen sich als Künstler, deren Arbeit mit Nachdenklichkeit und durch sichtbare Ordnung entstanden und zu erfahren ist, ohne philosophische Hintergründigkeiten also, ohne obskure Moralansprüche etc. etc.”

Die Werkprogramme der Künstler beschäftigen sich grob gefasst mit geometrischen Kompositionen aus Linien und Flächen, Farbe, Formen und Technik – und können als ‘auf einfache Art komplex’ wahrgenommen werden. Weil die konkrete Kunst wirklich individuell komplex ist, sei der sensibel-dynamische Peter Sedgley hier zitiert:

“Für mich ist Malen auch eine Art Performance. Die Arbeit an sich ist vielleicht ritualhafter, weil es sich um ein einzelnes Ereignis handelt, nichtsdestoweniger ist ein Bild die Dokumentation einer Begegnung und trägt die Zeichen einer Tätigkeit.”

[aus: Sedgley, Painting, objects, installations: 1963-1980, Kelpra-Studios London 1980, ISBN 0950726605]

SYSTHEMA stellte dann umfassend gemeinsam 1977 im Kunstmuseum Amos Anderson in Helsinki aus. Die Texte schrieben hierfür Richard Paul Lohse, einer der bedeutendsten Konkreten der Nachkriegszeit, und der Kunsthistoriker Karl Ruhrberg. 1978 kuratierte Harald Szeemann sechs Jahre nach ‘seiner’ documenta 5 in der Berner Galerie Loeb eine SYSTHEMA-Ausstellung, die von einem Katalogtext von Karl Ruhrberg begleitet wurde.

2021 wird in der Ausstellung Systhema. Positionen des Konkreten neben Malerei, Grafik und Objekten auch Peter Sedgleys kinetisches “Beaulious M1” (Diachronie-Glas angetrieben von Licht) von 2002 zu sehen sein.

Die Sammlung

Die Kunstsammlung Siegfried Grauwinkel, ansässig zwischen Berlin und Potsdam, wurde nach etwa 15 Jahren Sammelleidenschaft geschärft: Strengere Kriterien wurden angelegt und die “Sammlung konkret” entstand. Sie setzt sich zusammen aus Arbeiten aus den Bereichen Minimalismus, Konkret, Konstruktivismus und Konzeptkunst sowie aus Arbeiten der Gruppe Zero. Seit 2014 wird die Sammlung deutlich ausgerichtet auf europäische “Kunst nach 1960”. 

Dass private Sammler*innen viel für die Kunst, die Kunstschaffenden und auch für die kunstgeschichtliche Aufarbeitung tun, zeigt sich auch hier wieder, denn Siegfried Grauwinkel nimmt immer zu den Künstlern direkt, den dazugehörigen Galerien, Museen oder Nachlassverwaltern Kontakt auf und hat auch zur Gruppe SYSTHEMA wertvolle Dokumente zusammengetragen.

Wie auch museale Sammlungen stellen Privatsammlungen durch ihre Aktivitäten zahlreiche Verbindungen her und kuratieren Werke in differenzierte Zusammenhänge. Und suchen die öffentliche Reflektion: Zwei Höhepunkte der Sammlung Grauwinkel seien hier hervorgehoben, die viermonatige Ausstellung “Sammlung Grauwinkel, 30 Jahre konkrete Kunst” 2013 im Vasarely Museum in Budapest sowie die mehrmonatige Sammlungsausstellung der Grauwinkel’schen Kunstsammlung zusammen mit der Sammlung des tschechischen Sammlers Miroslav Velfl 2018 „Transformation der Geometrie“ in der Prager Stadtgalerie.

KunstHaus Potsdam 

Nun zeigt die Sammlung bis zum 05.09.2021 einige ihrer Werke von elf der zwölf SYSTHEMA-Künstler, denn der “Säulengang” von George Rickey ist eine Ergänzung aus der Berlinischen Galerie. Wie alle Werke von Rickey darf sie allein von Achim Pahle begleitet und aufgebaut werden.   

Übrigens befindet ihr euch hier ganz in der Nähe des Nauener Tors, dem Eingang zum Holländischen Viertel, wo ihr allerhand schöne Möglichkeiten für eine Stärkung genießen könnt. Und wer noch mehr Kunst mag: Das fluxus-Museum und gegenüber der Kunstraum Potsdam im Waschhaus neben der Schinkelhalle aus dem Jahr 1835 lohnen sich auch – und sind nicht weit entfernt. 

Ort der Ausstellung:

Kunstverein KunstHaus Potsdam, Ulanenweg 9, 14469 Potsdam, Telefon: +49 331 2008086, www.kunstverein-kunsthaus-potsdam.de

Öffnungszeiten: Di. – So. 12 – 17 Uhr und nach tel. Vereinbarung
(Evtl. Corona-bedingte Regelungen sind aktuell auf der Seite des KunstHaus Potsdam nachzulesen.) 

Eintritt: frei

Barrierefrei: Eingang ebenerdig, Assistenzhund zugelassen, voll zugänglich, Parkplatz für Rollstuhlfahrende

Beitragsbild: Christian Roeckenschuss: o.T., 1978 acrylic on wood © Christian Roeckenschuss, courtesy by collection Grauwinkel

Veröffentlicht am: 29.07.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Jana Noritsch, Redaktion-Tipp,

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