Kolumne: Gerhard Falkner – Ein Dichter im Gespräch

Foto Falkner - Westarp

Kunstleben Berlin Kolumne von Ludwig Graf Westarp. Über Berlin und die Bedeutung kunstspartenübergreifenden Arbeitens. 
Im Rahmen meiner Berliner Gespräche treffe ich Gerhard Falkner, einen der bedeutendsten deutschen Dichter der Gegenwart, in einem Garten in Pankow. Wir erfreuen uns an der im Frühling aufblühenden Natur – vor uns eine Tasse Kaffee.

Ludwig Graf Westarp:  Wie sind Sie zum Schriftsteller geworden?

Gerhard Falkner: Über diese Frage habe ich viel gegrübelt, weil hier sehr viele unterschiedliche Antworten möglich sind. Es gibt da aber eine Reihenfolge oder vielleicht sogar eine Erbfolge. Das erste ist immer das Lesen, dann kommt irgendwann das Schreiben dazu – nicht notwendigerweise, aber möglicherweise. Ich bin wahrscheinlich, wie fast jeder Autor, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Das hat auch damit zu tun gehabt, dass, wenn es in meinen frühen Schuljahren  irgendwelche Belobigungen gab, diese immer vom Deutschlehrer kamen. Auch habe ich ziemlich früh angefangen, mich für Literatur zu interessieren. Also ich habe als sehr junger Mann zum Beispiel Camus und Sartre gelesen und auch viele andere relativ anspruchsvolle Autoren, wie zum Beispiel Bruno Schultz, also keine Jugendliteratur.

Irgendwann entsteht dann im Kopf so eine Art Selbstgespräch, dass man sich einbezieht in den Kosmos, der sich auftut und der ja auch ganz stark durch Formulierungen entsteht. Diese Formulierungen werden im Laufe der Jahre komplexer und interessanter, wenn man Glück hat. Und ich habe, glaube ich, Glück gehabt. Irgendwann habe ich mich über mein inneres Selbstgespräch in die Situation manövriert, dass ich das Interesse hatte, es auch aufzuschreiben, damit es nicht verlorengeht. Da gab es natürlich keine großen Entwürfe. Alles war sehr fragmentarisch. Aber immerhin war das so die Entstehung der Prosa und auch der Lyrik, für die ich ja anfangs sehr überwiegend bekannt war.

Westarp: Sie leben in Bayern und Berlin: Was bedeutet Ihnen Berlin? Wie hat Berlin Sie als Schriftsteller inspiriert und geprägt?

Falkner: Es ist gut, dass Sie nicht gefragt haben „Was bedeutet Ihnen Bayern?“. Eigentlich bin ich ja ein bipolarer Autor, das heißt einerseits sehr urban ambitioniert, andererseits eben auch naturbezogen. Berlin bedeutet mir sehr viel. Es ist eine – es ist die Stadt, die eigentlich von Anfang an im Zentrum meiner Arbeit stand. Ich habe schon vor langer Zeit einen Gedichtband veröffentlicht, der hieß „Gegensprechstadt – ground zero“. Gegensprechstadt war eine Verballhornung von Gegensprechanlage. Die Stadt, wenn man sie direkt anspricht, gibt die eindrücklichsten Antworten. Das ist ein Buch, das um die Wendezeit entstanden ist. Die gesamte Wendezeit über habe ich Aufzeichnungen gemacht und an dem Buch gearbeitet und als es herauskam, war es ein ziemlicher Hit, weil es einige erfolgreiche Veranstaltungen in Berlin gab.

Ich habe mit einem damals sehr bekannten amerikanischen Performance-Künstler zusammengearbeitet, der die Texte akustisch komponiert und begleitet hat. Sein Name ist David Moss. Das haben wir an verschiedenen Stellen in Berlin aufgeführt und es war immer ein durchschlagender Erfolg. In dem Zusammenhang hat sich dann meine Lyrik auch so ein bisschen verändert, weil ich die Arbeit mit Künstlern, also vorwiegend mit bildenden Künstlern, gewohnt war, aber die Musik- und Sprachakustikbegleitung war relativ neu für mich. Es war natürlich ein interessanter Aspekt, weil es damals in der Literaturszene gerade brandaktuell war mit Spoken Word und performativen Tendenzen, dass also Lyrik von irgendetwas begleitet wird, das populärer für ein größeres Publikum sein konnte als Sprache allein, als nackte Sprache.  Dies hat sich dann auch bewahrheitet.

Eines meiner ersten Bücher hieß „Berlin, Eisenherzbriefe“. Es war ein Prosaband, der sich mit einer postmodernen Mischprosa, so würde ich das jetzt einmal nennen, auch mit Berlin auseinandergesetzt hat – damals im Luchterhand Verlag erschienen. Von Anfang an hat Berlin eine große Rolle gespielt. In meinem letzten Roman „Apollokalypse“ steht eigentlich auch wieder Berlin im Mittelpunkt und das war bei den bisherigen Rezensionen immer der Hauptanknüpfungspunkt, weil ich mir angewöhnt habe, beziehungsweise von mir gefordert habe, die Stadt in einem Text als Charakter erscheinen zu lassen, als lebende Materie, nicht als tote Materie und das hat natürlich zu interessanten Ergebnissen geführt, was die Lektüre nicht für alle Leute erleichtert hat. Im Großen und Ganzen bin ich aber auf viel Beifall und Resonanz gestoßen. Berlin habe ich sehr genau beobachtet. Wie gesagt, die Beobachtungen um die Wendezeit waren für mich das Entscheidende, da die Wendezeit die Schnittstelle darstellte zwischen meinem eigenen Leben, das westgeprägt war, und den zunehmend stärker vom Osten, also von Ostberlin und der ehemaligen DDR geprägten Personen. Ich hatte viele Freunde aus dem ehemaligen Osten. Eine ganze Reihe von Autoren und auch bildenden Künstlern. Dies hat natürlich nicht nur meinen Stil, sondern auch meine Thematik „nachhaltig“, um das momentane Lieblingswort zu benutzen, beeinflusst.

Westarp: Welche Bedeutung hat für Sie übergreifendes Arbeiten zwischen Kunstsparten – beispielsweise Text, Musik, Film, Malerei, Mode und Architektur?

Falkner: Also mit Mode und Architektur, obwohl ich großes Interesse an Architektur habe, hält es sich in Grenzen, aber bildende Kunst hat vom ersten Augenblick an, wo ich veröffentlicht habe, eine wichtige Rolle gespielt. Mein erstes Buch ist ursprünglich als Künstlerbuch erschienen mit Arbeiten von Johan Lorbeer, der inzwischen auch international als Performance-Künstler ziemlich bekannt ist. Er war damals aber noch nicht so stark auf Performance eingeschränkt, sondern hat allgemein als Bildender Künstler gearbeitet. Wir haben den ersten Zyklus aus meinem ersten Gedichtband „so beginnen am Körper die Tage“ mit bearbeiteten Fotografien von ihm ausgestattet. Es ist eine ziemlich große Kassette, die leider, ich besitze keine mehr, für mich nicht mehr erschwinglich ist. Sie kostet inzwischen sehr viel Geld. Das war der Anfang, und meine Frau, Nora Matocza, ist ja auch Bildende Künstlerin.

Mit ihr hat es auch immer wieder Zusammenarbeiten gegeben, die sich vom Anspruch her sehr gesteigert haben. Vor allem unser letztes gemeinsames Mappenwerk „Deconstructing Gesèle“ ist, glaube ich, eine der interessantesten Arbeiten, die wir je gemacht haben. Es geht um Paul Celan und seine Frau Gisèle Lestrange, die ihn ja auch in berühmten und ebenfalls sehr teuren Büchern, nicht illustriert, sondern mit Radierung begleitet hat. Aber es ist ein für meine Begriffe äußerst interessantes Buch und es gibt einen schwierig zu bekommenden Nachdruck im Suhrkamp Verlag, den ich glücklicherweise einmal ergattert habe. Dieses Buch haben wir uns zum Vorbild genommen und haben dann in der Geburtsstadt Celans, wo wir beide ein Stipendium von der dortigen Celan-Stiftung (Meridian Czernowitz) erhalten haben, dieses gemeinsame Buch in Czernowitz gemacht.

Ich bin gar nicht auf dem neusten Stand, ob die Stadt jetzt im Hinblick auf den Ukraine-Krieg noch unzerstört ist. Ob der Krieg schon so weit nach Westen mit seinen Raketenbeschüssen vorgedrungen ist, weiß ich nicht. Aber jedenfalls war das der Anfang und schon damals habe ich zum Teil auch schon mit bekannten Künstlern zusammengearbeitet. Der bekannteste Künstler war sicherlich A. R. Penck. Mit Penck habe ich ein Buch gemacht, das ebenfalls für mich nicht mehr erschwinglich ist – leider, mit Farblithographien des Künstlers mit dem Titel N. VIII. Die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern hat mich immer am meisten gereizt. Autoren haben mich oft eher gelangweilt. Sie waren mir irgendwie von den Gesprächsthemen und vom Habitus her ein bisschen verlangsamt und umständlich. In der Zusammenarbeit mit Bildenden Künstlern habe ich einfach diese Direktheit sehr geschätzt und den zeitgemäßeren Umgang mit den wesentlichen Fragen. Deswegen war das für mich einfach immer eine wichtige Zusammenarbeit. Ich mag jetzt nicht die ganzen Künstler aufzählen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, aber es waren doch einige.

Westarp: Was bedeutet für Sie Zeit?

Falkner: Zeit – die Gelegenheit, zu schreiben. Also, es kommt drauf an. Meinen Sie jetzt die Zeit etwa im Sinne von Proust, also als Tresor für Erinnerungen, die auch melancholische Züge annehmen kann oder meinen Sie die Zeit als physikalischen oder theoretischen Begriff im Sinne Einsteins spezieller Relativitätstheorie als eine Funktion des Raums oder was meinen Sie mit Zeit?

Westarp: Ich wollte die Frage ganz bewusst sehr offen formulieren.

Falkner: Ja, Zeit ist ja sicherlich eine der wichtigsten Thematiken überhaupt, weil sie jeden in einer schrecklichen und unbedingten Form betrifft in Gestalt des Todes oder in Gestalt von Schicksalsschlägen. Zeit kann natürlich auch das Kontinuum sein, in dem die charmanten Dinge passieren, die ja für Autoren auch eine Rolle spielen, also Begegnungen und Erfolge und diese Dinge, die gehören ja auch zur Zeit. Aber die Frage in einem existentiellen oder existentialistischen Sinn zu beantworten, ist nicht einfach. Ich weiß nicht, ob ich das befriedigend beantworten kann – also auch mich zufriedenstellend beantworten kann, weil Zeit ja das ist, was die wesentliche Rolle im Leben schlechthin bestimmt. Also das, was passiert, passiert im Rahmen der Zeit. Ja, alle Begegnungen, alle Erschütterungen passieren im Rahmen der Zeit und werden auch zeitlich sowohl eingeordnet als auch bewältigt.

Westarp: Für Schriftsteller ist die Rezeption von hoher Bedeutung. Was waren für Sie besonders beflügelnde Situationen?

Falkner: Ja, ich muss sagen, dass ich da von Anfang an großes Glück hatte. Mein New York Stipendium und die Zusage des Luchterhand-Verlages hatte ich bereits als mein erster Gedichtband noch gar nicht erschienen war. Ich erhielt den damals noch sogenannten Städteförderpreis, also das New York Stipendium, und war dadurch Writer in Residence an der NYU, also an der New York University. Das hat natürlich einerseits zu meinem großstädtischen Impetus sehr viel beigetragen, andererseits hat es mich auch vom ersten Moment an ziemlich bekannt gemacht, was ich erst Jahre später so richtig realisiert habe. Als das passiert ist, war es mir gar nicht so klar, weil es immer Abstände zwischen den einzelnen Stationen gab, die ich noch gar nicht zusammengebracht hatte. Dann hat auch eine entscheidende Rolle gespielt, dass ich in den richtigen Momenten die richtigen Leute getroffen habe – also meine Beziehung zu zwei befreundeten Literaturwissenschaftlern. Der eine war Neil Donahue in den Vereinigten Staaten, der andere Erk Grimm aus Deutschland – beides hervorragende Auroren.

Beide haben sich auf eine Weise mit meinen Arbeiten beschäftigt, die ich sonst nicht gekannt habe, weil Leser ja keine Wissenschaftler oder keine von vornherein prädestinierten Interpretatoren einer literarischen Schöpfung sind. Ja, von dem Augenblick an ging es Schlag auf Schlag. Ich war auch einer der ganz wenigen Autoren, von denen ich weiß, der nicht auf der Suche nach einem Verlag war und x-mal abgelehnt wurde. Der Verlag war sofort selber da. Auf Empfehlung eines Autors hat mich der Lektor des Luchterhand Verlags angeschrieben, und das passiert ja höchst selten. Da habe ich Glück gehabt. Später ging es dann in vielen Fällen auch so weiter. Zuletzt zum Beispiel mit meinen Pergamon-Poems, die von Constantin Lieb verfilmt wurden: Gesprochen von Schauspielern der Berliner Schaubühne. Diese Clips erhielten so zahlreiche Zugriffe wie sie sonst kaum je literarischen Clips zuteilwerden.

Gerhard Falkner, geboren 1951, zählt zu den bedeutendsten Dichtern der Gegenwart. Er veröffentlichte zahlreiche Lyrikbände, u.a. »Hölderlin Reparatur«, für den er 2009 den Peter-Huchel-Preis erhielt, und zuletzt »Ignatien« (2014). Für seine Novelle »Bruno« wurde ihm 2008 der Kranichsteiner Literaturpreis verliehen. Nach Aufenthalten in der Villa Massimo/Casa Baldi und der Akademie Schloss Solitude war er 2013 der erste Fellow für Literatur in der neugegründeten Kulturakademie Tarabya in Istanbul und 2014 Stipendiat in der Villa Aurora in Los Angeles. Seine Romane »Apollokalypse« (2016) und »Romeo oder Julia« (2017) standen auf der Long- bzw. Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurden von der Kritik gefeiert. Gerhard Falkner lebt in Berlin und Bayern.

Beitragsbild: Westarp und Falkner, Foto: Oskar Graf Westarp

Veröffentlicht am: 17.05.2022 | Kategorie: Kolumne Ludwig Graf Westarp, Kultur - was sonst noch passiert, Literatur,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verpasse keinen Kunst Event mehr...

Holler Box