Nicolas Vionnet – To be honest, I never wanted to become an electrician anyway

Nicolas Vionnet - To be honest, I never wanted to become an electrician anyway

Nicolas Vionnet ist fasziniert von Irritationen. Er schafft Interventionen durch Objekte, konzeptuelle Gemälde und Installationen, die einen Dialog mit ihrer Umgebung provozieren. Seine Arbeiten schreien nicht nach Aufmerksamkeit, sondern präsentieren sich zurückhaltend und mit subtilem Witz. Sie bauen ein Spannungsfeld auf, fordern den Betrachter heraus und machen neugierig. Vionnet war einer der Gewinner des BBA Artist Prize 2018. Dies ist die erste Einzelausstellung des Schweizer Künstlers mit der BBA Gallery.

Einem Elektriker gleich verschaltet Vionnet die Elemente, aus denen seine Objekte bestehen. Anstelle jedoch durch korrekte Verschaltung den Stromkreislauf zu schließen und Funktionalität zu erzeugen, erscheinen Vionnets Arbeiten nur auf den ersten Blick funktional. Eine Waage mit Nägeln: „221 Reasons to say No“, eine Stehlampe mit Gehwagen: „Always stand on the bright side of life”, eine Industriesteckdose, in der eine Perücke steckt: „To be honest, I never wanted to become an electrician anyway.” Diese Objekte sind so alltäglich, so wenig schrill oder pompös, dass die Interventionen manchmal auf den ersten Blick gar nicht auffallen mögen. Und auch die Titel scheinen nicht allzu fremd zu sein, kommen einem irgendwie bekannt vor. Durch Integration weniger Elemente und Sprache erzielt der Künstler genau die Reaktion, die er sich erhofft: Irritation, Nachdenken, ein Schmunzeln.

Always Stand On The Bright Side Of Life, 2019 Steel walker, pipe extension, lamp shade, light bulbs
Always Stand On The Bright Side Of Life, 2019
Steel walker, pipe extension, lamp shade, light bulbs
221 Reasons To Say No, 2015 Antique scale, 221 nails
221 Reasons To Say No, 2015
Antique scale, 221 nails

Mit Installationen im Innen- und zuweilen auch im Aussenraum führt Vionnet sein Prinzip von Irritation und Integration fort. Es sind Eingriffe der leisen Art, die den Betrachter zum Dialog einladen. Wer die Galerie betritt der vernimmt ein Plätschern und Blubbern, fast so, als würde eine Duschbrause tropfend Wasser von sich geben. Was zuerst als undenkbar erscheint, bestätigt sich jedoch beim Betreten des Nebenraumes. Dort steht eine alte Sitzwanne mit zugezogenem Duschvorhang. Eine scheinbar alltägliche Handlung, das Duschen, wird mit einem unpassenden Ort, dem Galerie-Raum, verknüpft. Was bleibt ist Verwunderung. Die Rauminstallation mit dem Titel „Maria, wärst du hart geblieben, wär Weihnachten uns erspart geblieben“ stellt die Wahrnehmung der Besucher auf den Kopf und verleitet dazu, in eine eigene Geschichte einzutauchen.

Nicolas Vionnet spricht vom „nicht-hierarchischen Dialog“. Die künstlerische Arbeit erhebt sich nicht über ihre Umwelt, und ihre Aussage ist vom Künstler nicht vor-definiert.  „Der Ausdruck, nicht-hierarchischer Dialog mit der Umwelt‘ beschreibt meine Überzeugung, dass das Kunstwerk selbst niemals dominieren darf. Eigentlich sollte es keine Hierarchie geben. Idealerweise besteht ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Umwelt. Diese Balance ermöglicht es dem Betrachter, beide Komponenten gleichzeitig wahrzunehmen.“ In diesem Sinne lässt sich auch der Betrachter als Teil der Umwelt eines Objektes oder einer Installation verstehen. Seine inneren Vorgänge, die Irritation, seine Amüsiertheit oder sein Unverständnis werden Teil der Arbeit, und sind alle gleichermaßen valide.

Do Not Call Me Painting Again!, 2014 Industrially printed fabric on canvas, splashes of paint on wall and floor
Do Not Call Me Painting Again!, 2014
Industrially printed fabric on canvas, splashes of paint on wall and floor

Auch auf dem Feld der Malerei spielt Vionnet mit Gewohnheiten und Erwartungen. Seine großformatigen Gemälde der Serie „Untitled“ widmen sich dem Faltenwurf, einem kunstgeschichtlich bedeutenden Motiv, welches, so denn überzeugend ausgeführt, die Meisterschaft des Malers unterstrich. Vionnet widmet sich dem Thema auf komplett andere Weise: Seine Vorgehensweise ist direkt und zeigt konzeptionelle Ansätze. Der Leinwandstoff wird in unbespanntem Zustand drapiert, mit einer transparenten, schwarzen Sprühfarbe Schicht für Schicht bearbeitet und punktuell an gewissen Stellen verdichtet. Überall wo der Stoff erhöht ist, kann die Farbe haften, die versteckten Partien hingegen bleiben weiß. Nach dem Malvorgang wird der Stoff gestreckt und auf die Leinwand aufgezogen. So schlicht, so überzeugend.

Untitled, 2018 Spray paint on canvas
Untitled, 2018
Spray paint on canvas

Nicolas Vionnet – To be honest, I never wanted to become an electrician anyway

10.07.2021 – 7.08.2021

BBA Gallery

Veröffentlicht am: 22.07.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kultur, Kunst, Top 3,

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