Warum Egon Schiele? Regisseur Dieter Berner im Interview

Am 17. November startete EGON SCHIELE – TOD UND MÄDCHEN (unser Bericht) in den deutschen Kinos, ein wirklich sehenswerter Film über das Lebenswerk Egon Schieles, neben Gustav Klimt einer der bedeutendsten Maler der Wiener Moderne. Ein Grund für uns, den Regisseur Dieter Berner zu einem Interview zu treffen…

Welchen Bezug haben Sie zur Kunst im Allgemeinen und speziell zu Schiele?

Für mich als Filmregisseur ist die bildende Kunst ein Teil meines Metiers. Die Frage, was das Bild in uns Menschen bewirkt, beschäftigt mich im Grunde bei jeder Kameraeinstellung. Schiele wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wiederentdeckt. Seine Kunst war durchaus richtungsweisend für meine Generation, weil er  den  klassischen Schönheitsbegriff hinter sich lässt und bildnerische Mittel verwendet, um die Seele des modernen Menschen spürbar zu machen. Anstelle von Schönheit und Harmonie tritt  „Expression“,  anstelle von meditativem Betrachten eines Bildes das Erkennen und Erschrecken.  Die Bildgestaltung des Filmes unterscheidet sich aber bewusst von den stilistischen Mittel Egon Schieles, damit diese deutlich sichtbar werden.

Was hat Sie an Schiele so beeindruckt, dass Sie einen Film über ihn machen wollten? Seine extreme Person? Seine Kunst? Sein Erfolg? Etwas anderes?

Es war die Radikalität, mit der er  – und man kann das fast auf das Jahr genau feststellen, wann er damit beginnt  – das reine Abbilden zugunsten einer sehr persönlichen Betrachtungsweise aufgibt. Der Körper wird zum Ausdrucksmittel seelischer Vorgänge. Schiele hat  Fotos von Patientinnen der Psychiatrischen Klinik Hospital Salpetriere studiert. Er war offensichtlich zutiefst irritiert von den Wahnsinnsanfällen seines Vaters, der an progressiver Paralyse erkrankt war, einer Spätfolge der Syphilis. Der Vater starb, als Schiele 15 Jahr alt war. Mit 16 wurde Schiele auf die Kunstakademie aufgenommen, jünger als jeder andere Student. – Ich habe den Film  gemacht, weil mich die Verflechtung von Leben und Kunst im Schicksal dieses Menschen bewegt hat. Ein Beispiel: Schiele malt ein Doppelportrait von sich und seiner langjährigen Lebensgefährtin Wally Neuzil. Noch während er daran arbeitet, gesteht er ihr,  dass er sich von ihr trennen wird.  Das Doppelportrait drückt auf intensive Weise den Trennungsschmerz aus. Er nennt das Bild „Mann und Mädchen“.  Wally meldet  sich daraufhin als  Rotkreuzschwester im Ersten Weltkrieg und stirbt zwei Jahre später an der Front. Ungefähr zum selben Zeitpunkt werden zum ersten Mal Schiele Gemälde in einer großen Ausstellung präsentiert. Als er von Wallys Tod erfährt, ändert er den Namen des Gemäldes. Es heißt von nun an  „Tod und Mädchen“.  „Tod und Mädchen“  ist eines der wenigen Kunstwerke, dessen Entstehungsprozess ich in die Handlung des Filmes eingeflochten habe.  Für den Zuschauer wird es durch die Kenntnis der Hintergrundgeschichte mit Bedeutung aufgeladen.

EGON SCHIELE - TOD UND MÄDCHEN
EGON SCHIELE – TOD UND MÄDCHEN

Warum haben Sie Noah als Darsteller für Egon Schiele ausgewählt?

Ich hab  eineinhalb Jahre nach meinen Hauptdarsteller gesucht. Um die Tragik des frühen Todes spürbar zu machen, brauchte ich einen Darsteller im gleichen Alter wie Schiele. Noah Saavedra war 24,  als wir gedreht haben. Er konnte Schiele Alter von 19 bis 28 glaubhaft darstellen. Dazu kommt, dass Noah in seinem Wesen dem „Ewigen Kind“ entspricht, dieser Mischung aus Kindlichkeit, Egoismus, Charme und Fanatismus, was Schieles Charakter kennzeichnet. Noah hatte allerdings schauspielerisch noch so gut wie keine Erfahrung. Dieses Manko haben wir durch eine einjährige Probenphase wett machen können. Es hat sich bestätigt, was ich schon beim ersten Casting spüren konnte: Noah ist ein großes schauspielerisches Talent. Deswegen hat er auch gegen Ende unserer Probenphase die Aufnahmeprüfung auf die renommierte Ernst Busch Schauspielschule geschafft, wo sich jährlich etwa 2000 junge Menschen bewerben.

Welche Schwierigkeiten hatten Sie?

Es gibt keinen Filmdreh ohne Schwierigkeit  – es gibt sogar Leute in der Branche, die sagen „Film ist Krieg“.  Wir hatten nur 34 Drehtage zur Verfügung, was für einen Film mit diesem Aufwand eigentlich die Hölle ist. Als wir die Winterszenen drehten, änderte sich plötzlich die Wetterlage und gab es keinen Schnee in Wien. Also mussten wir für eine Schneeballschlacht im Park den Schnee  in Lastwagen von den nächstgelegenen Bergen in die Stadt herankarren. Die fallenden Schneeflocken waren eine Mischung aus verschiedenen Sorten von Kunstschnee und digitaler Bearbeitung.

Wer hat die Kunstwerke im Film gemalt?

Die zehn Ölgemälde, die im Film zu sehen sind,  hat der Münchner Sebastian Krause hergestellt, in einer sehr speziellen Methode auf historisch bespannten Leinwänden. Für die Gouachen war die Grazerin Nathalie Lutz zuständig, für die vielen Zeichnungen und die Skizzenbücher die Wiener Künstlerin Maria Grün.  Wir haben bei den Reproduktionen auf höchste Qualität Wert gelegt. Um die größtmögliche Ähnlichkeit zu erreichen, wurden die Kopien neben den Originalkunstwerken – die ja fast alle in Wien hängen – mit der Kamera getestet.  Eine Auflage bei der Reproduktion war: die Ölgemälde mussten um 10% kleiner sein, als die Originale.  Wenn im Film die Hand des Künstlers beim Zeichnen gezeigt wird, so ist das immer die Hand des Schauspielers Noah Saavedra. In der Vorbereitungszeit hat er zwei Semester auf der Kunstakademie Aktzeichnen belegt – nicht nur um den richtigen Strich, sondern auch um den richtigen Blick des Malers auf sein Modell zu studieren.

Werden Sie weitere Kunst/Künstlerfilme machen? (was wir sehr hoffen) Wenn ja, welcher Künstler interessiert Sie? Dürfen wir Vorschläge machen? 😉

Könnte schon sein. Ich denke zum Beispiel im Moment  an Oskar Kokoschka und seine leidenschaftliche Affäre mit Alma Mahler. Als sie ihn verließ, hat  er sich eine Puppe nach ihrem Ebenbild bauen lassen. Es gibt eine ganze Reihe von starken Bildern, die ihn mit dieser Puppe zeigen. Das könnte durchaus auch ein spannender Filmstoff sein: Ein junger Künstler verfällt einer erfahrenen Dame der Gesellschaft und erwartet sich von ihr mehr, als sie zu geben bereit ist. Der Schmerz, sie nicht besitzen zu können, wird für ihn zum Anlass der Kunstproduktion.

Lieber Herr Dieter Berner – danke für das Interview!

 

Veröffentlicht am: 16.12.2016 | Kategorie: Kino & TV, Kultur, Kultur - was sonst noch passiert, Kunst, Kunst - was sonst noch passiert, | Tag: EGON SCHIELE,

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