Was will Kunst?

Was will Kunst, Kunstleben Berlin

Nichts. So jedenfalls lautet die Antwort eines Facebook-Users auf die Frage. Kunst sei zweckfrei. Kunst sei nur um der Kunst willen da, will nichts, soll nichts und darf alles. Darüber lässt sich trefflich streiten. Dient Kunst nicht zuallererst dem, der sie macht? Ist sie nicht im besten Fall ein Kanal für das, was der Künstler sagen will, ohne dass er Worte dafür finden muss? Haben wir nicht alle in der Schule der Frage nachgehen müssen, was der Künstler uns mit diesem oder jenen Werk sagen will?

„Kunst ist dafür da, den Einzelnen mit seiner Existenz zu versöhnen. Dem Umstand, dass er überhaupt lebt, und nicht weiß, was das soll. Da gibt es verschiedene Mittel, Kunst ist vielleicht das beste, weil sie die dunklen Seiten unserer Existenz behandelt.“, so der Frontmann von Element of Crime, Sven Regener in einem Interview. Mir gefällt diese Ansicht, denn sie greift zurück auf die Anfänge der Kunst und sie verbindet sie mit den Menschen und ihren Fragen nach dem Sinn. Bei vielen Künstler*innen, die ich kenne, geht es nicht um das Produkt, das am Ende an der Wand hängt oder auf dem Tonträger eingraviert ist. Das ist eher ein Beiwerk, auch wenn es natürlich auch manch einen drängt, von seiner Kunst leben zu wollen. Trotzdem denke ich, dass der Sinn eher darin liegt, einen Ausdruck für etwas zu finden, das sich oft nicht aus sich selbst heraus erklären lässt. Ich kenne das vom Schreiben – diesen Moment, in dem ich das Gefühl habe, dass da etwas am Werk ist, das schneller als meine Gedanken arbeitet. Es schreibt mich, nicht: Ich schreibe. Und manchmal muss irgendetwas raus, ohne dass ich vorher sagen kann, was es wird.

Leider leben in wir in einer Zeit, die dem Prozess an sich keine Bedeutung beimisst – die Ergebnisse sehen will. Das erzeugt Druck. Manchmal sogar Überlebensdruck, denn die wenigsten Künstler*innen haben das Glück, eine(n) Mäzen*in an ihrer Seite zu haben und das Tor zum Ruhm ist eher ein Spalt, vor dem sich Tausende drängeln. Da reicht es auch nicht, in der Künstlersozialkasse zu sein oder ab und zu mal etwas an den Mann oder die Frau zu bringen.

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Ich bin sicher, dass Kunst einem Zweck dient. Dass sie etwas will. Ich glaube sogar, dass sie Leben retten kann und – wenn ich den Faden noch weiter spinne, dass sie göttlich ist. Das an sich ist noch keine Absicht, klingt zudem auf den ersten Blick pathetisch und überzogen, lässt man es allerdings sinken, verschwindet diese Anmaßung. Kunst hilft uns zu wachsen. Als Mensch, als Gesellschaft. Darüber lässt sich nicht streiten. Dass das, was am Ende dabei herauskommt, keine Kunst im definierten Sinne sein muss, ist eine andere Seite und liegt, nebenbei bemerkt, im Auge des Betrachters. Bei einem Kunstwerk kommt Kunst selbstverständlich auch von Können, nämlich immer dann, wenn sich Intention, Talent und Handeln begegnen.

Dann kann Kunst durchaus auch etwas wollen. Gefallen, aufrütteln, den Finger in die Wunde legen. An der Stelle widerspreche ich auch Regener, der im Fortgang des Interviews meint, dass man Kunst und Politik trennen sollte. Im Gegenteil, sage ich, und komme mit Brecht, der – hier im Bezug zum Theater – meint: „Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag.“ Kunst als Absicht, herrschende Verhältnisse zu hinterfragen, ist eine wichtige Säule der Demokratie. Wir sehen das gerade jetzt, da gegen eine Künstlergruppe (Zentrum für Politische Schönheit) wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ ermittelt wird. Eine Demokratie, die diese Art der Kunst nicht zulässt, ist keine.

Vielleicht ist der Facebook-Beitrag ja so gemeint, dass es Zeit für eine Abkehr von der reinen Kommerzialisierung der Kunst ist. Dass sie wieder für sich stehen darf, dass wir nicht in ellenlangen Abhandlungen darüber sinnieren müssen, was wohl in ihr steckt, sondern dass das im Verborgenen bleiben kann und allein das zählt, was es im Betrachter auslöst. Dass der wahre Wert eines Werkes sich nicht daran misst, wie viel Ertrag es einbringt oder wie viele Follower es liken. Sondern dass Kunst nur um der Kunst willen da sein darf und sich ihre Absicht ganz selbstverständlich in Reaktionen auflöst oder fortpflanzt. Da bin ich dabei.

Interview mit Sven Regener

Veröffentlicht am: 12.04.2019 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Kultur - was sonst noch passiert, Kunst, Kunst - was sonst noch passiert, Redaktion-Tipp, | Tag: Kolumne Jeannette Hagen,

3 Idee über “Was will Kunst?

  1. Paulsen sagt:

    Kunst ist das Gegenteil von Natur. Die Natur will von uns nichts , sie wäre sogar viel besser dran. Ohne uns. Kunst im Gegenteil dazu brauch uns, ohne uns den Betrachter ist sie sinnlos, also was will Kunst , in erster Linie wahrgenommen werden. Alles andere folgt dann….

  2. Ines Eck sagt:

    Kunst setzt Weckreize. In Produktion, Konsumtion. Eine Frau sagte, sie gehe in Galerien, Kraft zu tanken, „Der Künstler hat zuvor seine hineingetan.“ ´Urlaub in Kunstlandschaften.´ Menschen leben mit Bildern, Sätzen, Tönen von Künstlern im Kopf. Künstler können Leistungen dieser Art im Gegensatz zu Juristen und Ärzten nirgends abrechnen, wenn sie nicht bereit sind, marktorientiert / kunstgewerblich zu arbeiten. Leistungsgesellschaft ist außer Kraft gesetzt.

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