Ich bin ein Berliner – Das Nationen-Projekt von Georg Krause

Ich bin ein Berliner

Unser Leben und was wir damit anfangen, wofür wir brennen und uns einsetzen, entscheidet sich manchmal an Weggabelungen oder in Situationen, die von außen betrachtet vielleicht gar nicht nach Weggabelungen aussehen. Oder anders: Auch an solchen Punkten kann man sich so oder so entscheiden – wegschauen, mitlaufen, protestieren oder engagieren. Der Fotograf Georg Krause hat sich dafür entschieden, beispielgebend zu sein. Nicht gegen etwas zu kämpfen, sondern demokratische Kräfte zu stärken und sich mit künstlerischen Mitteln für ein offenes Miteinander einzusetzen.

Aber von vorn. Wie jeder aus seiner eigenen Biografie weiß, sind es meist viele Puzzleteilchen, die Jahre später ein Ganzes ergeben. So auch bei Georg Krause, aus dessen Biografie irgendwann eine Haltung erwachsen ist, die meist nur jene Menschen entwickeln, die Ereignisse und Geschichten hinterfragen. Die nicht einfach hinnehmen und gehorchen. Die dem Leben aufmerksam und offen begegnen. Und für die der Begriff „Seele“ kein esoterischer Humbug ist. „Meine Mutter arbeitete in der Landwirtschaft und wenn Kirmes war, dann versammelte sich die ganze Familie und das Dorf. Es gab viel Kuchen und irgendwann haben sich die Bauern über ihre „Auslandsreisen“ (Anmerkung: über ihre Kriegseinsätze) unterhalten. Sie fingen zu streiten, wer wo war und konnten sich an nichts mehr richtig erinnern, konnten auch die Namen der Orte nicht richtig aussprechen.

Zu später Stunde kam stets zur Sprache, dass der, der oder der im Feld geblieben ist. Ich war damals ein kleiner Junge und habe mich immer gefragt, warum jemand „auf dem Feld“ bleibt, wo es doch hier so viel Kuchen und andere Leckereien gab. Wie naiv man doch als Kind ist. Neben den Menschen war es die Natur, die mich schon immer fasziniert hat. Im Wald in unserer Gegend kannte ich jeden Baum. Dann wurden allerdings die Sowjets stationiert und plötzlich konnte ich nicht mehr in meinen Wald. Er wurde gesperrt. Der Warschauer Pakt, der Prager Frühling – es ging Schlag auf Schlag und alles hat mich beeindruckt und geprägt. Natürlich auch die Mauer. Ab der 5. Klasse gab es in der DDR Erdkundeunterricht und ich habe überhaupt nicht verstanden, warum sie das unterrichtet haben. Man konnte doch sowieso nicht reisen, also warum sollte ich mir all diese Länder auf der Karte anschauen?“

Georg Krause beendete 1975 die Oberschule, arbeitete anschließend als Bergmann und schrieb sich 1978 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ein. Das Studium beendete er 1983, drei Jahre später begann er seiner Tätigkeit als freier Fotograf, Gestalter und Künstler. Ein Traumberuf, den er bis heute als „Menschenfotograf“ ausübt. Seine Porträts machen es leicht, eine Verbindung zwischen Objekt und Betrachter herzustellen. Sie sind direkt, beschönigen nichts, sind ehrlich. Krause liebt seine Arbeit, die ihm die Möglichkeit gibt, auf seine Art Brücken zu bauen und Menschen einander näher zu bringen.

Als es 2013 in Schöneweide, wo Krause lebt und arbeitet, einen Aufmarsch von Neonazis gibt, beschließt er, beispielgebend zu sein, wie er selbst sagt. Nicht gegen etwas, sondern für etwas – nämlich für die Stärkung der Demokratie und zwar mit seinen Mitteln. „Es war verrückt, ich meine, die durften unter massivem Polizeischutz durch Schöneweide und Oberschöneweide marschieren. Mein Atelier lag genau an der Strecke und man hat mich nicht hineingelassen. Die Polizei hat sogar Wasserwerfer zum Einsatz gebracht, aber nicht gegen Nazis, sondern gegen uns, die wir entweder unbeteiligt am Rand standen oder gegen den Aufmarsch protestierten. Und das war der Moment, an dem ich gedacht habe, dass hier irgendetwas nicht stimmt und dass ich dem etwas entgegensetzen will. Ich wollte aber nicht mit einem Schild herumlaufen und sagen: Ich bin gegen Nazis. Sondern ich wollte mich für die Demokratie stark machen. Und so konnte ich ein Projekt, das schon lange in der Schublade lag, beginnen.“

194 Nationen leben in Berlin

Mehr oder weniger Tür an Tür. Sie abzubilden und damit zu zeigen, wie wunderbar diese Vielfalt ist, dass uns das Fremde keine Angst machen muss und wir Nachbarn sind, ist die Intention von „Ich bin ein Berliner“. Menschen aus 130 Ländern hat Krause dafür schon fotografiert. Mindestens 150 sollen es werden, dann gibt es eine Ausstellung oder auch ein Buch. „Wenn es zu dem Buch kommt – das hat ja dann Seiten, dort sind also auch die Menschen Seite an Seite, Wange an Wange sozusagen und sie vertragen sich. Das ist ein Bild, das ich gern benutze. Man muss das einfach machen und als Künstler macht man sowieso – weil man gar nicht anders kann.“

Ich bin ein Berliner
Carmen, Peru

Und wie kommt er an die Menschen heran? Melden die sich bei ihm? „Natürlich ist es schwierig. Ich habe jetzt Menschen aus 130 Ländern fotografiert, es fehlen also noch etliche. Es gibt bei uns in Schöneweide immer einen „Tag der Demokratie“, da konnte ich einige ansprechen. Dann habe ich eine Partnerin, die mich unterstützt. Es gab auch mal eine Organisation, die sich um Botschafterfrauen kümmerte, die haben mir auch geholfen. Ja und dann habe ich auch einfach Menschen auf der Straße angesprochen. Das war natürlich manchmal komisch, weil man ja auch nicht weiß, was die Leute denken. Aber es hat geklappt. Und ich wünsche mir natürlich, dass durch diesen und andere Beiträge wieder Leute aufmerksam werden und mich unterstützen.“

Krauses Projekt bringt Menschen zusammen.

Aber nicht nur das. „Das Schöne ist ja, dass man mit den Menschen ins Gespräch kommt und um noch mal zum Ausgangspunkt zu kommen, jetzt hole ich die Geografie nach und lerne die Länder über jene kennen, die vor der Kamera stehen. Wir verbringen Zeit miteinander und viele sagen, dass sie das sehr schön fanden, dass wir uns austauschen konnten, ich ihnen zugehört habe. Die Intention ist ja dieselbe – diese Menschen wollen auch mit „den anderen“ also mit uns in Kontakt kommen. Das hat mich irgendwie auch überrascht, das so direkt zu erleben. Darüber denkt man selten nach, weil wir die Dinge immer aus unserer Perspektive sehen.“

Für das Foto müssen die Protagonisten immer etwas Landestypisches mitbringen und ein Schild malen oder etwas gestalten, das sie mit ihrem Land verbindet oder etwas über sie selbst erzählt. „Einer hat mal gesagt: „OK. Ich mach das so wie bei einem Wahlplakat.“ Und dann hat er geschrieben: Ich bin Araber. Ich bin Muslim. Ich bin Berliner. Und hat er hinter jeden Satz ein Häkchen gesetzt.“

Am Ende gibt es auf dem Papier mit der Datenschutzverordnung, das alle unterschrieben müssen, noch drei Fragen:

  • Was wünschst Du Dir für Dich?
  • Was wünschst Du Deinem Nachbarn?
  • Was wünschst Du Dir für Berlin?

„Man kann da natürlich alles antworten. Wenn der Nachbar zu laut ist, wünscht man ihm kaputte Boxen. Oder man wünscht ihm eine Frau oder etwas anderes. Aber eigentlich geht es um etwas Größeres, also darum, was man seinem Nachbarland wünscht. Die Antworten kann man dann zeigen, ebenso wie die Schilder.“

Und was wünscht sich Georg Krause?

„Für mich selbst Gesundheit. Für die Nachbarn? Da wünsche ich mir ein vernünftiges Auskommen, ein vernünftiges Miteinander. Und für Berlin? Dass die Stadt weiterhin so weltoffen bleibt.“ Ein schöner Wunsch, den wir von Kunstleben Berlin uneingeschränkt teilen. Darum stellen wir in den nächsten Wochen auch nach und nach die Berliner, die Georg Krause porträtiert hat, vor.

Wer darüber hinaus mehr wissen will oder Georg Krause bei der Suche nach den fehlenden Nationen helfen möchte, findet hier alle Informationen:

http://georg-krause.de

https://www.ichbineinberliner190.de

Veröffentlicht am: 27.07.2019 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Kultur, Kunst - was sonst noch passiert, Künstler entdecken, Redaktion-Tipp, | Tag: Fotografie, Ich bin ein Berliner, Kolumne Jeannette Hagen,

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